© www.hgeiss.de   Vom Leben der Echraner


Vorwort zur ersten Veröffentlichung von 1987

 

Wer nach Echra will, braucht keine Berge von süßem Brei durchbeißen, ebenso wenig findet er das Land vor oder hinter Weihnachten.

Echra ist ein Utopia, aber keines, bei dem die Menschen der Zukunft durch die Luft schweben, auf Raumstationen picknicken oder unter Wasser in Acrylblasen flanieren und auch kein Schlaraffenland, in dem einem die gebratenen Tauben in den Mund fliegen. Echra ist dagegen eine ganz bescheidene Sache. Es ist ein Land in dem die Menschen friedlich zusammenleben und auf jene Dinge verzichten, die von der Natur auf Dauer nicht verkraftet werden können.

Echra ist aber kein Hirngespinst. Echranische Teilchen findet man überall, sogar zwischen kalten Häuserschluchten, inmitten Maschinengeratter und himmelschreiendem Unrecht. Echranisches findet man in jeder Pflanze, jedem Tier, ja eigentlich in allem, was unsere verrückte Zivilisation noch nicht zerstört hat.

Echra spiegelt sich in der Freude und Unbefangenheit der kleinen Kinder, die noch nicht verdorben, blind und abgestumpft sind. Echranisch geht es zu, wenn sich Menschen lieben, einander zuhören, gegenseitig achten, miteinander ohne Berechnung sprechen; wenn sie sich am Leben erfreuen, wenn sie mit ihren Kindern spielen, wenn sie musizieren, malen, formen, lesen usw. 

Doch Echra ist wie ein Puzzle, dessen Teilchen ein launischer Wind durcheinander geblasen hat und dessen Vorlage verloren ging.

Ich habe mich dennoch an das Puzzle gewagt, weil ich immer wieder Bruchstücke für mein eigenes Leben sinnvoll zusammenfügen konnte. Manche Teilchen habe ich auch bereits verbunden gefunden. In mein Echra nahm ich sie aber erst nach eigener Prüfung auf.

Viele Puzzleteilchen habe ich trotz angestrengter Suche nirgends gefunden und durch meine Vorstellungskraft ersetzen müssen, was naturgemäß die schwächsten Stellen des Buches sein müssen.

Dem flüchtigen Leser mögen die Echraner wie romantische Hinterwäldler erscheinen und ich, der von ihnen erzählt, wie ein Träumer. Doch wer ist mehr Realist: Wer so tut, als sei diese Erde unendlich belastbar oder wer nach einer Lebensweise sucht, die von der Natur ertragen werden kann?

Mir klingen im voraus schon die Ohren vom Gelächter der Maschinenanbeter, weil die Echraner auf viele technische Dinge verzichten, die sie für ein gutes Leben entbehrlich halten oder bei denen der Schaden den Nutzen überwiegt. Dass ein plötzlicher Verzicht auf viele unserer Gerätschaften völlig unrealistisch ist und auch unsinnig wäre, weiß ich auch. Meine Schrift will alleine Denkanstösse geben und mitteilen: Dies und das funktioniert, ich habs ausprobiert!  Eine Gebrauchsanweisung oder eine Ideologie für den Umbau der Industriegesellschaft liefern, hatte ich niemals im Sinn und das wäre auch vollkommen vermessen. Eine solche Entwicklung müssen die betroffenen Menschen selber probieren, sukzessive über einen langen Zeitraum und ohne ideologische Scheuklappen.

Wer das heutige kopflose Treiben mit Fortschritt gleichsetzt, wird im echranischen Leben einen Rückschritt sehen und den Bericht als nostalgische Träumerei abtun. Doch Echra hat mit der guten alten Zeit (die bekanntlich so gut niemals war) nur wenig zu tun. Die Echraner versuchen das Bewährte aller Epochen in ihren Kulturentwurf einzubauen. In ihren Entwurf wohlgemerkt, den es zu entwickeln gilt. Also nochmal: Ein Entwurf, kein Plan und erst recht keine Ideologie!