© www.hgeiss.de   Vom Leben der Echraner


Vorwort zur Überarbeitung 1993

 

Wir Menschen der Industriekultur sind aus Gedankenlosigkeit und ständigem Habenwollen dabei, die Lebensgrundlagen unserer Gattung, ja, vielleicht die allen Lebens zu zerstören. Unser Wirtschaften und die Erzeugnisse daraus haben sich verselbständigt, wir haben nicht mehr sie im Griff, sondern sie uns. Selbst wenn der unwahrscheinliche Fall eintreten sollte, dass die Menschen weltweit ihr Wirtschaften den natürlichen Kreisläufen anpassten, werden die zeitverzögert einsetzenden Folgen der Vergiftung von Luft, Wasser und Erde auszuhalten sein. Und doch sollten wir die Chance, die wir vielleicht noch haben, nutzen. Vielleicht schafft es die Natur auf irgendeine Weise - wie schon so oft - die Folgen unserer Unmäßigkeit zu kompensieren. Doch wie sollen wir es anders machen? Wie muss eine Zivilisation aussehen, die menschenwürdig und naturverträglich wirtschaftet? Welche ethischen Grundlagen muss sie haben? Seit über zwanzig Jahren dreht sich mein Denken um dieses Problem, träume ich von einer Arche, die uns nicht nur retten, sondern auch zufriedener machen kann. Nebenbei - der Begriff Echra ist nur eine Umkehrung des Wortes Arche, eine Wortspielerei, nicht mehr. Auf meinem persönlichen Weg nach Echra habe ich mich unzählige Male verirrt, immer wieder aber auch wunderbare Entdeckungen gemacht, die wichtigste: Ein vernünftiges Leben hat nichts mit Ent­behrung zu tun und nichts mit mangelnder Lebens­freude. Ein echranisches Leben schenkt einem sogar ein mehr an Lebensqualität, ich spreche hier aus eige­ner Erfahrung. Dies ist es auch, was mich hoffen lässt. Hätte ich Entbehrung und Askese anzubieten, würde ich längst meine letzte Hoffnung begraben, denn hiervon mag keiner etwas hören. Ich habe aber lustvolle Mäßigkeit im Angebot und die Tatsache, dass sich für Glimmer und Warenramsch echte Lebensfreude eintauschen lässt.

Nun ist diese Erkenntnis nicht neu. Als Autodidakt in Sachen Lebenskunst stieß ich kürzlich auf den Griechen Epikur, der schon vor 2400 Jahren predigte: Es ist nicht möglich lustvoll zu leben, ohne vernunftgemäß, schön und gerecht zu leben!

Doch haben wir noch die Zeit, damit dies alle sechs Milliarden Menschen begreifen? Dass sie sich der religiösen, wirtschaftlichen und technischen Ketten entle­digen, über ihre Irrlehren lachen lernen? Ihre Unwissenheit, ihre Technikgläubigkeit, ihren Nationalismus, ihre Hortsucht und ihren Fatalismus überwinden, ja, dass sie dies alles überhaupt wollen?

Ein Funke kann zwar ein Feuer entfachen, wenn eine Reihe von begünstigenden Umständen zusammentreffen. Doch es scheint, eher brennt alles andere, bevor sich die Völker für eine vernünftige Mäßigkeit entzünden. Verstrickt in einen Alltag mit hundert Problemen und Abhängigkeiten, benebelt von Illusionen und umflutet von heftigen künstlichen Reizen, hangeln sie sich von einem Tag zum anderen. Diffuse Gefahren, die irgendwo in der Zukunft lauern, interessieren sie einfach nicht. Menschen scheinen mit den Folgen ihres Tuns einfach überfordert zu sein.

Und doch habe ich einen Rest Hoffnung. Wenn ich es selber habe begreifen können, um was es geht, warum sollte es dann nicht auch jeder andere Mensch begrei­fen? Schließlich haben wir in unseren Köpfen nicht nur Verrücktheiten, sondern fühlen in gelegentlichen Sternstunden genau, was uns gut tut und wie alles ei­gentlich sein sollte.

Ich habe versucht dieses Fühlen in Worte zu fassen, was natürlich ein heilloses Unterfangen ist. Deswegen sollte man alles auch nicht zu wörtlich nehmen und lieber nach eigenen Gefühlen forschen. Alleine dies, wenn meine Schrift anregen könnte, wäre mehr, als ich zu hoffen wage.

Falls meine Überlegungen ernst genommen werden sollten, was wenig wahrscheinlich ist, werden haufenweise Kritiker allen Couleurs auftauchen. Neben solchen, die ihre wirtschaftlichen Interessen bedroht sehen, werden es aber auch solche sein, die es als idealistisches Geschreibsel abtun, weil die Hoffnung auf ein kollektives Vernünftigwerden im echranischen Maße wegen struktureller Mängel der menschlichen Art unrealistisch ist, dass es immer nur einzelne Weise waren, die es schafften, Teile ihres Lebens einigermaßen vernünftig zu verbringen. Nun, nach zwanzigjähriger Praxis als Pädagoge und Leiter von sozialen Einrichtungen brauche ich diese Belehrung nicht, der Mühlstein aus leidvollen Erfahrungen im Umgang mit Menschen an meinem Halse ist schwer genug. Und doch brachte das Zusammenleben mit etwa 4000 Jugendlichen auch genug echranisches an den Tag, noch mehr aber potentiell echranisches. Ich glaube nach wie vor an uns und sehe unsere Unzulänglichkeiten nur als Spiegelbild der Unzulänglichkeiten der Gegebenheiten, in denen wir leben.