© www.hgeiss.de   Vom Leben der Echraner


Vorwort zur Überarbeitung 2001

 

Letzte Hand an eine Schrift zu legen, heißt nach Lichtenberg, sie ins Feuer zu werfen. Nun, soweit bin ich noch nicht mit meinen Echranern, doch einiger Idealismus der ersten Entwürfe ist mir schon abhanden gekommen. Vor allem hinsichtlich der Lehren, die ich aus der Tierwelt zu erlangen hoffte. Mittlerweile habe ich jahrelange praktische Erfahrungen mit Hühnern, Gänsen, Hunden, Katzen, Schafen, Ziegen und Pferden und ich habe bei ihnen dieselben Unzulänglichkeiten gefunden wie bei uns Menschen: Gier und Streben nach Vormacht und Überlegenheit, Faulheit und absolute Unfähigkeit zu Rücksichtnahme. Daneben auch das Ausstoßen und Quälen von Schwächeren und Fremden, der Reiz des fremden Futtertroges, das Abkoten in der fremden Stallecke, die Unfähigkeit mit einem Überangebot von Futter umgehen zu können, das Fehlen jeglicher Vorausplanung und Verantwortung. Dies lässt nur den Schluss zu, dass das beklagte menschliche Verhalten das natürliche ist und das altruistische und uneigennützige, alles was wir gerne als edel bezeichnen, das unnatürliche, das künstliche, das man im Tierreich nirgendwo findet, es sei denn während der Brutpflege.

Auch unser oft beklagtes Herdentum hat die tiefsten Wurzeln, denn keine größere Angst gibt es, als die al­lein sein zu müssen, ausgestossen zu sein, nicht anerkannt zu werden, keinen Platz zu haben im sozialen Gefüge. Verlassenheitsängste sind das elementarste, nichts kann uns mehr vernichten. Um nicht allein sein zu müssen nehmen Tiere beinah alles auf sich. Nur um bei ihresgleichen sein zu dürfen, lassen sie sich beißen, stoßen, picken und treten.

Bei den Tieren lassen sich also nur schwerlich die erhofften Schaltmuster ablesen, sondern nur solche, die unseren Animalismus bestätigen. Da sich das beklagte Verhalten aber im Laufe der Entwicklungsgeschichte bewährt hat, da es bei Erfolglosigkeit zum Aussterben geführt hätte, sollten wir uns fragen, wie weit wir uns davon überhaupt entfernen dürfen. Doch das Überleben der Art ist bei Theisten, Moralisten und humanen Träumern heute kein Thema. Alleine das Menschengemachte, einfältig und kompliziert, meistens beides zugleich, hat für sie Gewicht. Sie nennen die Tiere dumm und übersehen, dass sie damit die Natur dumm nennen, was ja ziemlich lächerlich ist.