© www.hgeiss.de   Vom Leben der Echraner


Über die Arbeit

In Echra gibt es keine Lohnarbeit. Wir produzieren also nicht unter fremdbestimmten Bedingungen fremdbestimmte Dinge - um mit dem Entgelt daraus unseren Lebensunterhalt zu bestreiten, sondern wir suchen mit unserer Tätigkeit unmittelbar unsere Bedürfnisse zu befriedigen. Alleine deshalb gibt es in Echra nur sinnvolle Arbeit, deren Intensität und Dauer der einzelne durch seine Ansprüche bestimmt.

Arbeit, die nicht Lohnarbeit ist oder gar erzwungenes Schaffen auf Grund von Knechtschaft, wird zum selbstbestimmten Tätigsein und verliert so den Charakter eines Übels.

Wir unterscheiden daher nicht Arbeit und Freizeit, grad so wie Ihr euere selbstgewählten Aktivitäten in euerer Freizeit auch nicht als Arbeit empfindet. Ihr kennt ja den Eifer, mit dem Menschen bei euch nach Feierabend an ihrem Haus bauen, ihren Garten bestellen und ihren nützlichen und weniger nützlichen Hobbys nachgehen, wie Handwerker und Künstler über ihren selbstgestellten Aufgaben oft selbst die Mahlzeiten vergessen...

Arbeit muss also keine Mühsal sein, im Gegenteil. Tätigsein, etwas Sinnvolles schaffen, eine Aufgabe erfüllen - das zeichnet die menschliche Art aus und damit definiert sich auch der einzelne Mensch und gibt seinem Leben zusätzlichen Sinn. Weil also selbstbestimmtes Tätigsein zum Menschen gehört, können wir uns überhaupt nicht vorstellen, ab einem gewissen Alter nicht mehr tätig sein zu dürfen. Wenn es unsere Gesundheit erlaubt, bleiben wir in vielfältiger Weise tätig bis zu unserem Tod.

Tätigsein ist der notwendige Gegenpol zu Entspan­nung, zu Muße, zu Schlaf. Mit sinnvoller Arbeit üben wir Körper und Geist und ernten - neben dem Arbeitsprodukt - Appetit, Müdigkeit, Kraft, Geschicklichkeit und Selbstbewusstsein. Doch nur sinnvolle und aus freien Stücken ausgeführte Arbeit macht zufrieden, ausgeglichen und glücklich. Diese Zufriedenheit lässt sich mit Geld nicht zu kaufen. Ich weiß das aus eigener Erfahrung, denn ich habe viele Jahre außerhalb Echras Lohnarbeit verrichtet, mich und meine Arbeitskraft für Geld verkauft und sinnlose Arbeiten ausgeführt und so viele der besten Stunden meines Lebens vergeudet. Mit dem Geld, für das ich mich wie eine Ware verkaufte, versuchte ich dann das verlorene Glück in den Kaufhäusern zu kaufen, was mir aber niemals gelang. Das echranische Tätigsein habe ich dagegen - trotz der Mühe mancher Verrichtungen – als einen Schlüssel zum irdischen Glück erfahren.  

In Echra gibt es kaum Arbeitsteilung, denn jedes Spezialistentum ist uns ein Graus. Wir lehnen es ab, die Welt in Scheiben zu schneiden und jede davon einem Experten zu übertragen. Wie man bei euch sehen kann, bläst schnell ein Wind alles durcheinander und niemand kann die Teile mehr zu einem sinnvollen Ganzen ordnen, schon gar keine Experte, denn dieser hält naturgemäß sein Fachgebiet für den Nabel der Welt, was eine Gesamtsicht verhindert.

Schwer vorstellbar ist es uns, etwa an einem Fließband unter Zeitdruck nur wenige Handgriffe auszuführen und das den ganzen Tag, oft das ganze Leben lang. Dass Maschinen, die dem Menschen ja Hilfe und Werkzeug sein sollten, nun den Menschen bestimmen, erscheint uns als Perversion.

Eine schlimme Vorstellung ist es für uns auch an sonnigen Tagen in muffigen Gebäuden sitzen zu müssen und sich von einer Uhr bestimmen zu lassen. Wir Echraner stehen dagegen auf, wenn wir ausgeschlafen haben und legen uns nieder, wenn wir müde sind. Un­ser Tagesablauf ist am Sonnentag ausgerichtet. Nur im Winter bringen wir die Tage mit künstlichem Licht auf ein mittleres Maß.

Auch das ist bei euch ja anders. Die zumeist sinnlosen Tätigkeiten, von denen ihr euch tagsüber euere Lebenszeit stehlen lasst, hinterlassen keine Befriedigung, sondern nur Ruhelosigkeit. Darum sucht ihr den Feierabend möglichst lange auszudehnen, dem Gefühl folgend, dass dies doch nicht alles gewesen sein kann. Dieses Defizit an Sinngehalt treibt euch in die Fänge der elektronischen Traumfabriken, der professionellen Zerstreuer und Zeiträuber. Euer Leben verlagert sich in die Nacht und diese wird entsprechend zu kurz und der Wecker reißt euch am Morgen viel zu früh aus dem Schlaf. Diese unheilvolle Kettenreaktion verlangt nach belebenden Drogen und so gesellen sich zur allgemeinen Frustration bald auch körperliche Leiden.

In Echra gibt es keine Weckmaschinen, wir haben da­für den Vogelgesang und die Sonne. Uhren und Kalender findet man wohl gelegentlich, sie sind aber immer Orientierungsmittel und niemals Peitsche. Zeit spielt bei uns eine andere Rolle - wir haben alle Zeit der Welt zur Verfügung. Hast wird man höchstens bei der Heuernte erleben, wenn ein Gewitter aufzieht.

Eine gewisse Fremdbestimmung der Arbeit kennen wir aber auch, denn aus Gründen der Rationalität werden einige Arbeiten in Echra gemeinsam geleistet, was vom einzelnen gelegentliche Gemeinschaftsdienste verlangt. Da diese aber jedem einsehbar durch die Notwendigkeit bestimmt sind, gerecht verteilt werden und gemeinsam rationeller und damit in kürzerer Zeit zu schaffen sind, halten sich Unlustgefühle in Grenzen. Im Gegenteil freuen sich viele auf die gemeinschaftlichen Arbeiten, weil sie sich meist als kurzweilige und fröhliche Angelegenheit erweisen. Dennoch wird auch hier niemand gezwungen mitzumachen, was dann aber auch Ansprüche auf die Produkte der Gemeinschaftsarbeit ausschließt. In der Praxis verläuft es meist so, dass die Dorfbewohner im Frühjahr ihr Interesse an bestimmten gemeinsamen Projekten anmelden und in der Folge an ihnen auch anteilig mitarbeiten und am Ertrag teilhaben.

 In Echra dürfen nur Dinge hergestellt und gebraucht werden, die keine irreparablen Schäden in der Biosphäre anrichten und die wieder in die natürlichen Kreisläufe eingeführt werden können. Wo nur naturverträgliche Dinge hergestellt werden dürfen, sind natürlich ein Großteil jener Dinge, die bei euch ohne Rücksicht auf die Folgen im Umlauf sind, nicht zu haben. Euer gewohnter Warenkatalog schrumpft also ziemlich zusammen. Immerhin - auch wenn es euch zu glauben schwer fallen mag - es bleibt genug übrig für ein gutes Leben.

Uns dagegen fällt es schwer zu begreifen, wie man Lebensqualität mit der Höhe des Bruttosozialproduktes in Zusammenhang bringen kann und sich von Quantität auf Qualität zu schliessen getraut. Gute Atemluft, sauberes Trinkwasser, giftfreie Nahrung, Gesundheit, Zufriedenheit usw., also der Sinngehalt von Waren und der Nutzen für die Menschen, lassen sich mit Zahlen überhaupt nicht erfassen.

Im Gegenteil weist ein hoher Waren- und Dienstleistungsumsatz eher auf Defizite hin, die man durch die hohen Leistungen auszugleichen sucht. Was beweist ein hoher Umsatz der pharmazeutischen Industrie anderes, als dass es mit der Gesundheit schlecht bestellt ist? Dasselbe lässt sich aus hohen Umsätzen bei Ärzten und Kliniken ableiten. Aus ho­hem Umsatz im Bereich Straßenbau, Autos u.ä. lässt sich ebenso wenig auf Lebensqualität schließen, denn Autos und Straßen benötigt nur, wer an seinem Wohnort kein Auskommen findet, dessen Verwandten- und Freundeskreis zersprengt ist und wer sich in seinem Lebensraum unwohl fühlt und seine Freizeit in fremder und vielleicht lebenswerterer Umgebung zu verbringen sucht. Die stinkenden und röhrenden Blechlawinen, die sich durch euere Landschaften quälen und der naturfressende Straßenbau sind auf keinen Fall ein Hinweis für Lebensqualität. Doch dieser Wahnsinn bläht das Bruttosozialprodukt auf, grad so wie die ungezählten Verkehrsunfälle mit ihren zehntausenden von Toten und Verletzen und dem hohen Sachschaden, was in Wahrheit ja ein großes Unglück ist.

Als drittes Beispiel möchte ich noch die Ausgaben für den militärischen Bereich nennen, durch die das Bruttosozialprodukt steigt. Diese gefährliche Verschwendung wird wohl niemand mit Lebensqualität in Verbindung bringen.

Die Liste der schädlichen Produkte und Leistungen ließe sich lange fortsetzen. Mit ihnen mittelbar verbunden ist der Bau von immer neuen Fabriken, Kraftwerken und Atommeilern und die Rohstoff- und Energieverschwendung inklusive Vergiftung der Umwelt. Die Zunahme von Schäden und deren Behebung stolz wie eine Trophäe zu präsentieren, ist eine Torheit. Und wie soll man eine Wirtschaft nennen, die nicht nach Notwendigkeit und Sinn produziert, sondern von Börsentendenzen und Gewinnerwartungen gesteuert wird?

Wir schmunzeln darüber, dass wir in eueren Augen als armes Volk gelten, weil wir weder Autos noch Autobahnen besitzen, weder Flugzeuge noch Flughäfen, keine Atomanlagen, Supermärkte und keine Vernichtungswaffen. Doch ihr irrt euch, wir sind nicht arm, nur weil wir auf die Dinge verzichten, die wir nicht benötigen. Wir brauchen keine Autos und keine Flugzeuge, weil wir uns dort wohlfühlen, wo wir leben. Die Zunahme des Flugverkehrs bei euch ist vermutlich nur Symptom dafür, dass ihr es auf der Erde nicht mehr aushaltet, dass ihr für die irdischen Dinge des Lebens blind geworden seid und euerem Glück nun auch noch über den Wolken hinterher jagt, euch göttergleich über die Erde erhebt. Wie viel Anmaßung liegt schon in dem Umstand, dass ihr dafür allen Lebewesen den damit verbundenen Höllenlärm zumutet und die Zerstörung der schützenden Lufthülle unseres Planeten.

Nein, wir Echraner brauchen keine Flugzeuge. Grad so wenig wie Atommeiler, weil wir unseren Strom dezentral und umweltfreundlich produzieren und ihn sparsam verwenden. Wir vergeuden ihn weder für die Herstellung überflüssiger Waren noch für die von Gerätschaften, die zum Töten bestimmt sind. Letztere braucht nur wer andere einschüchtern will, andere Länder oder die eigene Bevölkerung.

 Trotzdem fällt es euch schwer im echranischen Leben ein nachahmenswertes Modell zu sehen, denn zu radikal haben wir mit euerer materialistischen Lebensweise gebrochen. Euer gewohnter Maßstab muss deswegen versagen, zudem sind euere Sinne durch ständige Reizüberflutung abgestumpft und euer Gefühl für das Wesentliche vom Warenramsch verkleistert. Wie sollt ihr echranische Zufriedenheit und Glück erkennen, wenn diese nicht zu wägen und messen sind? Ja, nicht einmal zu zählen, da es in Echra kein Geld gibt, weil wir die Wucherei fürchten und die menschliche Neigung zum Sammeln und Horten.