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Über echranische Demokratie

Echra ist ein demokratisches Land, weil Demokratie ein brauchbares Werkzeug ist, jene Entscheidungen zu treffen, die alle angehen. In private Angelegenheiten durch Mehrheitsentscheidungen hinein zu bestimmen, ist bei uns völlig unvorstellbar.  

Wir übertragen unsere demokratischen Rechte auch nicht per Kreuzchen auf einem Stimmzettel an Berufspolitiker und Parteien – beide gibt es in Echra nicht – und hoffen dann über Jahre ohnmächtig, dass diese ihre Macht nicht missbrauchen. Wir dagegen bestimmen unsere Geschicke selber, denn unsere Demokratie ist nicht repräsentativ sondern direkt. Über alle Fragen des dörflichen Zusammenlebens wird gemeinsam in regelmäßigen Vollversammlungen beraten und entschieden. Mehrheitsentscheidungen sind nur gültig, wenn keine Minderheiten dadurch geschädigt werden. Es muss nach Lösungen gesucht werden, die alle zufrieden stellen oder mit der zumindest alle leben können.  

Alle fünf Jahre werden in den echranischen Dörfern Koordinatoren gewählt, die höchstens ein zweites Mal berufen werden können. Bei jeder Neuwahl soll ein Geschlechterwechsel stattfinden.  

Die Koordinatoren haben die Aufgabe dörfliche Abläufe abzustimmen und die Dorfgemeinschaft nach außen zu vertreten. Es gilt als große Auszeichnung in dieses Amt gewählt zu werden. Gerne werden Persönlichkeiten dafür bestimmt, die im Alltag durch Bescheidenheit und Warmherzigkeit auffallen. Großsprecherische Wichtigtuer und Blender - soweit es solche bei uns überhaupt gibt - können sicher sein, niemals zum Koordinator gewählt zu werden.  

Wir sehen unsere Koordinatoren als eine Art Väter oder Mütter unseres Dorfes. Ihre Aufgabe ist es, die notwendigen gemeinschaftlichen Arbeiten abzustimmen, den einzelnen ihren Anteil am Gemeinschaftsbesitz zuzuteilen, Bestellungen an die Zeitkooperativen weiterzuleiten und die gelieferten Güter zu verteilen. Sie organisieren das Bildungsprogramm, besiegeln Lebensgemeinschaften, registrieren Geburten und Todesfälle und haben die Aufgabe in Konflikten zu vermitteln. In politischen Angelegenheiten sind sie an die Beschlüsse der Vollversammlung gebunden.  

Die Mitbestimmung über die Landespolitik erfolgt durch eine Art Fragebogen, auf dem anstehende Sachthemen aufgelistet und der Bevölkerung vorgelegt werden. Diese dörflichen Meinungsbilder werden durch die Koordinatoren in die Landespolitik eingebracht und umgesetzt. Letztere wird von zwölf Vertretern besorgt, die Koordinatoren aus ihren Reihen für eine Amtszeit von fünf Jahren wählen, übrigens wieder halb Männer, halb Frauen. Diese Gewählten stehen dann in den Dörfern nicht mehr zur Verfügung und ziehen für die Dauer ihrer Dienstzeit gemeinsam in eine spezielle Kooperative, von der sie bei ihrer Aufgabe unterstützt werden.  

Bei uns fängt Demokratie also dort an, wo sie bei euch aufhört: im täglichen Leben. Wenn ich unsere Demokratie mit dem Polittheater bei euch vergleiche - wo sich Politiker und Parteien alle paar Jahre anpreisen wie Zahnpasta oder Seifenpulver, sich wie Schauspieler gebärden und oft (nach fremdem Drehbuch spielend), ihre Gegner verleumden und erniedrigen, um selber größer zu wirken - dann bin ich immer sehr erleichtert, dass es bei uns anders zugeht.  

Ich bedauere Wähler, die sich immer wieder durch die Phrasen und Versprechungen der Politiker verführen lassen und dann nach der Wahl erleben, wie sich die Gewählten als gekaufte Agenten mächtiger Interessengruppen entpuppen. Zweifellos gibt es auch bei euch ehrliche Politiker, die in bester Absicht handeln, doch wie oft können die sich über die Parteidisziplin und die Fraktionszwänge hinwegsetzen und als einzelne etwas bewegen?  

Der Wähler kann immer nur ein von den Parteien geschnürtes Bündel wählen. Was bleibt ihm, als notgedrungen sein Kreuzchen vor die Gruppierung zu setzen, die ihm als das kleinere Übel erscheint? Da dies mit Volksherrschaft wenig zu tun hat, erscheint uns die Bezeichnung Demokratie dafür ein Etikettenschwindel zu sein. Wir lehnen die Parteiendemokratie ab, weil Parteien parteiisch sind, also erst einmal ihre Organisation vertreten, deren Interessen und Überzeugungen.  

Bei uns gibt es keine Parteien, also auch keine Klüngelein, keine Ideologien, keine Fraktionszwänge, keine Lobbykratie, keine Fensterreden und keinen Korpsgeist. Wir wählen den Nachbarn unseres Vertrauens zum Koordinator, entscheiden über die Sachfragen in den dörflichen Vollversammlungen und den schriftlichen Abstimmungen und behalten so alle Fäden mit in der Hand. Es gibt keinen Grund, warum ähnliches nicht überall funktionieren sollte. Doch von direkter Demokratie wollen Parteien natürlich nichts wissen, denn damit würden sie sich selbst entmachten.  

Die Rechten spielen das Spiel mit der parlamentarischen Demokratie sowieso erfahrungsgemäß nur solange, wie es sich wirtschaftlich rentiert. Ist dies nicht mehr der Fall, lassen sie ihre oft religiös getarnte Larve fallen und zeigen ihr autoritäres Gesicht. Das Volk schätzen sie nur, solange es sich von ihnen führen lässt. Muckt es offen gegen sie auf, nennen sie es gern Pöbel. Und dass dieser das Sagen haben soll, ist ihnen eine grauenhafte Vorstellung, denn sie stehen auf Eliten, womit sie sich selber meinen. Insgeheim wissen sie aber wohl genau, dass die Bevölkerung in vielen Punkten viel weiser abstimmen würde, als es der privaten Wirtschaft angenehm sein könnte. Oder glaubt jemand ernsthaft, dass zerstörerische Großprojekte wie Atomanlagen, Autobahnen, Großflughäfen und der ganze Rüstungswahnsinn noch durchzusetzen wären? Nie und nimmer! Darum fürchten die Rechten die direkte Demokratie wie der Teufel das Weihwasser...

Und warum sind die Linken gegen direkte Demokratie? Einmal wohl, weil sie auch nur in den Kategorien von Lohnerhöhungen und Wirtschaftswachstum denken, sie sind ebenso am Haben orientiert, wenn auch mit anderen Vorzeichen. Sie glauben ebenso an seligmachende Technik, an unendliche Ausbeutbarkeit der Erde und erwarten sich das Heil im Konsum von Waren. Sie haben wohl Gerechtigkeit und Wohlstand für alle auf ihren Fahnen stehen (was sie erst ein wenig sympathischer macht), doch sind ihre Triebkräfte Neid und Gier wie bei den Rechten. Sie lehnen zwar empört den Begriff der Eliten ab, begreifen sich aber gleichzeitig selber als Avantgarde, die allein weiß, wo es langgeht und was gut für die Menschen ist. Gelegentlich führen sie als Begründung ihrer Ablehnung von direkter Demokratie die Sorge vor der Verführbarkeit der Menschen ins Feld. Richtig ist, dass eine direkte Demokratie nur funktionieren kann, wenn Parteipropaganda und Demagogie durch sachliche Aufklärung ersetzt wird, denn eine Demokratie braucht sachkundige Bürger.  

In Echra werden deshalb über anstehende Fragen grundsätzlich Informationsversammlungen abgehalten, in denen die verschiedenen Ansichten zu einem Thema gegenübergestellt werden. Wer sich dennoch nicht entscheiden kann oder sich zu informieren versäumt, enthält sich bei der Abstimmung beim entsprechenden Punkt seiner Stimme oder urteilt nach dem Gefühl.

Früher haben wir die Teilnahme an Abstimmungen vom Besuch der Informationsveranstaltungen abhängig gemacht. Doch diese Regelung hat sich als überflüssig erwiesen, da es für Echraner keine Prestigefrage ist, so zu tun als wisse man alles. Wer sich irgendwo nicht auskennt, überlässt die Entscheidung eben denjenigen, die sich damit befasst haben.  

Ein wichtiges Werkzeug von Demokratie ist auch in Echra das geschriebene Wort. Doch ist bei uns die öffentliche Meinung nicht nur die Meinung derjenigen, die sich ihre zu veröffentlichen leisten können. Wir schätzen auch in diesem Bereich keine Arbeitsteilung und denken lieber selber! So sind echranische Zeitungen immer die Zeitungen der Echraner. Jedes Dorf bringt alle paar Wochen eine Zeitung heraus, in der alle Artikel von den Bewohnern verfasst werden. Eilige Informationen werden am Gemeinschaftshaus angeschlagen oder von Mund zu Mund verbreitet.  

Neben dem lokalen Teil hat jede Zeitung einen überregionalen, darin werden Artikel von allgemeinem Interesse aus allen Dörfern zusammengefasst. Auf diese Weise entstehen umfangreiche Publikationen, die einen regen Meinungsaustausch über das ganze Land gewährleisten.  

Da die Zerstörung der Biosphäre nicht an nationalen Grenzen halt macht und Menschenrechtsverletzungen oft internationale wirtschaftliche Verflechtungen zu Grunde liegen, kann nur übernational dagegen vorgegangen werden. Voraussetzung dafür ist verbindliches internationales Recht und die Möglichkeit seiner Durchsetzung.

Aus diesem Grunde befürwortet Echra eine internationale Kontroll- und Regelungsinstanz, etwa aufbauend auf der bestehenden UN, die aber in wesentlichen Bereichen umstrukturiert werden muss. Ein Weltsicherheitsrat, wie er heute schon besteht und in dem die militärisch und wirtschaftlich mächtigsten Länder als ständige Mitglieder versammelt sind, die nebenbei die größten Waffenproduzenten sind, wird von uns abgelehnt. Ein ordentlicher Weltsicherheitsrat sollte aus unabhängigen, integeren Vertretern aller Staaten gebildet werden. Nach unserem Verständnis soll alleine diese internationale Gemeinschaft weltweit über das Gewaltmonopol verfügen und kein Land mehr Armeen und Kriegswaffen besitzen dürfen.