© www.hgeiss.de   Vom Leben der Echraner


Über Erziehung und Lernen

So wie Pflanzen zum Gedeihen Licht, Wasser, Nährstoffe und Wärme benötigen, so brauchen Menschenkinder - sollen sie einmal liebevolle und verständige Erwachsene werden – ebensolche Vorbilder. Edle Grundsätze und schöne Reden sind wertlos, wenn sie nicht auch vorgelebt werden. Erziehen kann man also nur dadurch, in dem man sich selber erzieht. Doch sollte jedem Erzieher bewußt sein, dass er nur ein Baustein in der Entwicklung eines Kindes sein kann, nicht mehr, aber auch nicht weniger.  

Das echranische Bildungssystem unterscheidet sich von dem eueren in wesentlichen Punkten. Schulen, wie ihr sie kennt, gibt es bei uns nicht. Es gibt weder Zensuren noch bezahlte Lehrer. In der Folge auch kein Strebertum und keine vordergründige Anpassung, kein erzwungenes Büffeln für Prüfungen, kein Pauken von Phrasen, Formeln und Jahreszahlen, die jeder sowieso gleich wieder vergisst und die leicht in Büchern nachzuschlagen sind.  

Menschen müssen nicht zum Lernen gedrängt werden, denn die Neugierde gehört zu unserem Wesen wie die Vorsicht zum Hasen. Kinder trachten ganz von alleine danach, sich das anzueignen, was den Erwachsenen Vorteile verschafft und was sie zu einem menschenwürdigen Leben benötigen. Schulen spiegeln immer auch die Lebenswirklichkeit einer Kultur, dementsprechend anders als bei euch sind sie in Echra. Nicht der angepasste Spezialist mit seinem engen Horizont ist bei uns gefragt, sondern der selbständig denkende und soziale Mensch, der sich in allen Lebensbereichen auskennt und zurechtfindet.

Wir kennen keine umrissenen Schulzeiten, denn wir lernen unser Leben lang. Lernen ist uns nicht weniger Grundbedürfnis wie Essen und Trinken.  

In eueren Schulen dagegen treibt man den Kindern diese natürliche Lust am Lernen aus, in dem man ihnen Scheuklappen aufsetzt und sie einen zielgerichteten Hürdenlauf absolvieren lässt, bei dem sie alles ignorieren müssen, was links und rechts der Strecke liegt. Zudem werden in der Hauptsache solche Erkenntnisse und Fertigkeiten vermittelt, die Menschen nicht ohne weiteres von sich aus lernen würden, also fremdbestimmten Stoff, den beispielsweise die Wirtschaft für ihre maßlose Produktion braucht, Stoff, mit dem sich der Staat legitimiert usw. Nicht der gebildete, zur Improvisation fähige und in der Lebenskunst bewanderte Mensch ist das Ziel, sondern der angepasste Streber, der an Stillsitzen und Vergessen seiner eigenen Wünsche und Antriebe gewöhnt wurde und der alles weiß, nur nicht, was für ein autonomes Leben nötig ist. In eueren Schulen werden die Kinder für die arbeitsteilige und egoistische Gesellschaft abgerichtet und ihre Köpfe mit unzusammenhängenden Fakten gefüllt, bei denen ein Bezug zum wirklichen Leben die Ausnahme ist. So denken die Menschen schließlich in Schablonen, messen in fremden Maßstäben und taugen - so verkrüppelt wie sie nun sind - für den verrückten Berufsalltag, in dem sie nichts hinterfragen und nur wie die sie umgebenden Maschinen funktionieren sollen.

Euere Schulen sind also Dressuranstalten, die es alleine deswegen gibt, weil euer Wirtschaftssystem einen bestimmten Ausbildungsstand für seine Produktion benötigt, einschließlich der Bereitschaft dazu und jener sich unterzuordnen. Mit dem fremdbestimmten Lernstoff werden ja auch Geisteshaltungen, fremde Wertmaßstäbe, engstirniges formales Denken und überwiegend schlechte Verhaltensmodelle von lustlosen Lehrern verfrachtet, auf die wir in Echra keinen Wert legen. Uns erscheint daher die Schulpflicht und die dahinterstehende Geisteshaltung als Willkür und Gängelung, ja, als dreister Diebstahl, bei dem nicht irgendwelche ersetzbaren Dinge weggenommen werden, sondern die eigenen Kinder.

Wir verstehen auch nicht, wie ihr auf die große Freude verzichten könnt, eueren Kindern Grundfertigkeiten wie Lesen, Schreiben usw. selber beizubringen.

Ich weiß, dass euere Schulpflicht in Zeiten großer Unwis­senheit und harter Ausbeutung einmal ein bedeutsamer Fortschritt gewesen ist. Doch auch noch nach hundert Jahren scheinen die Menschen nicht willens und gebildet genug, als dass man ihnen die Entwicklung ihrer Kinder anvertrauen könnte, nur die Pflichtschule hebt auch die benachteiligten unter ihnen auf ein Mindestniveau. Doch uns Echranern ist auch dieser Begriff Niveau suspekt, denn wir wollen die Menschen nicht nivellieren und nicht messen.  

Jeder Echraner ist im Alltag zugleich Lehrer und Schüler. Auch die Kinder machen dabei keine Ausnahme, die Jüngeren lernen von den Älteren. Wer etwas lernen will, wendet sich an seine Eltern, Geschwister, Verwandten, Freunde oder Nachbarn, oder auch an seine Kinder, wenn die etwas können, was einem fehlt. Es gibt wohl nur wenige Echraner, die nicht gerade einem anderen etwas beibringen oder sich etwas beibringen lassen. Die Vielfalt unserer Bildungsangebote ist entsprechend. Angeboten wird, was nachgefragt wird.

Vermutlich ist der Schlüssel zu diesem allgemeinen Lernhunger im eigenen Antrieb zu suchen, denn wer etwas lernen will, weil es ihn danach drängt, lernt mit unvergleichlich größerer Intensität, als dies in Schulen üblich ist, wo Lernstoff angeboten wird, zu dem in aller Regel der Bezug fehlt und der nur des schulischen Fortkommens wegen, oft mit großem Widerwillen gelernt wird.

Unsere Lernangebote sind auch weniger kopflastig wie bei euch. Handwerkliche Fertigkeiten sind uns grad so wichtig wie theoretische. Viele Arbeiten lernen wir einfach dadurch, weil wir mit ihnen aufwachsen: wie Nahrung angebaut und zubereitet wird oder wie Gebrauchsgegenstände gefertigt werden. Wir lernen Holz zu bearbeiten und daraus Möbel, Werkzeuge, Hütten und Häuser zu bauen. Wir lernen Körbe zu flechten, Gefäße aus Lehm zu formen und zu brennen, Wolle zu spinnen und daraus Kleidung herzustellen. Wir lernen zu nähen, zu stricken, zu weben, zu knüpfen und was es sonst noch an nützlichem Handwerk so gibt.  

Nicht zu kurz kommen auch künstlerische Fähigkeiten wie Musizieren, Singen, Theaterspielen, Modellieren, Malen, oder auch nur die Fähigkeit, mit offenen Augen die Welt zu betrachten und zuzuhören.  

Und trotz der Vielfalt unserer Tätigkeiten finden wir durchaus auch noch Zeit zum Faulenzen. Vielleicht, weil wir uns von der Neuerungs- und Verbesserungssucht befreit haben und wir das, was sich bewährt hat, lassen wie es ist. Darum ist auch derjenige, der es versteht nur soviel zu tun, wie nötig, in Echra gut angesehen. Wer dagegen ständig durch die Gegend hetzt und meint, noch dieses oder jenes unbedingt zu seinem Glück zu brauchen, der wird bemitleidet, denn er gilt uns von einer schlimmen Krankheit befallen.  

Doch wieder zum Lernen.

Wesentlich erscheint mir dabei, dass in Echra Theorie und Praxis nicht getrennt sind. Alles steht miteinander in Beziehung, hat Ursachen und Folgen, nichts wird isoliert vermittelt. Problemlöseverhalten, Improvisieren, Partnerschaftlichkeit und die Fähigkeit zur Kooperation erwachsen unserem Alltag grad so selbstverständlich, wie die Achtung gegenüber Mitmenschen, Tieren und Pflanzen.  

Jedes unserer Dörfer besitzt ein Gemeinschaftshaus, das auch kulturelles Zentrum ist. In ihm ist eine Bibliothek untergebracht und es finden Veranstaltungen statt wie Konzerte, Theateraufführungen, Filme, Tanz, Vorträge und Gesprächsrunden. Die Wände der Räume werden - etwa im monatlichen Wechsel - mit bildnerischen Arbeiten ein­heimischer oder fremder Künstler geschmückt. Die kulturellen Kontakte zwischen den Dörfern sind überaus rege. Es ist deswegen keine Anmaßung, wenn ich uns Echraner als gebildetes Volk bezeichne, dem die schönen Künste ebenso am Herzen liegen, wie die große Kunst der Erhaltung der Bodenfruchtbarkeit und des Nahrungsanbaues und - vor allem: die Kunst glücklich zu leben!  

Der Mensch besteht eben aus Kopf und Händen. Wo nur das eine gefördert wird, verkümmert das andere. Hier ist Gleichgewicht nötig, sonst entstehen Menschen mit Schlagseite.