© www.hgeiss.de   Vom Leben der Echraner


Lebenskunst

Die Lebenskunst gilt in Echra als die wichtigste Kunst, die wichtigste Wissenschaft. Wir verstehen darunter sowohl die Kunst des Überlebens als auch die Kunst gut zu leben, also das Leben interessant, sinnvoll und möglichst lustvoll zu leben. Sie ist der Ersatz, für den tierischen Instinkt, den wir verloren haben.  

Deshalb legen wir in Echra den Lebenserfahrungen der Menschen viel Bedeutung bei, denn wer diese geringschätzt, kann aus ihr auch keine Lehren ziehen und muss alle Fehler immer wieder neu machen. Doch auch in den Verhaltensmustern der Tiere hat sich die Überlebenskunst großer Zeiträume niedergeschlagen, sie sind damit ein bedeutsamer Erfahrungsschatz, aus dem wir durch Beobachtung zu lesen und zu lernen uns bemühen.  

Das Leben ist Gabe und Aufgabe. Schwer lebt sich, wer es nur als das eine oder das andere begreift. Den richtigen Mittelweg zu finden ist die eigentliche Lebenskunst, das richtige Maß also zwischen Genießen und sich Mühen. Wer das Leben nur als Gabe begreift, wird leicht über jeden Stein auf seinem Weg jammern, zumal wenn er sich daran stößt. Wer das Leben nur als Aufgabe begreift, sucht bald nur noch Steine wegzuräumen und wird blind gegenüber den Freuden der Welt.  

In Anbetracht der vielen Herausforderungen, die das Leben täglich an uns stellt, ist es sinnvoll seine Einstellung zur Welt so zu entwickeln, dass man auch aus ihrer Bewältigung Lebensfreude schöpft. Dies gelingt aber nur, wenn wir unsere Ziele nicht zu weit stecken und uns auch mit der Bewältigung des täglich möglichen Pensums zufrieden geben. Wer dagegen seine ganzen Glückserwartungen nur an das Erreichen von fernen Zielen hängt, handelt unklug, denn das Leben besteht nun einmal in der Hauptsache aus mühevollen Wegstrecken.  

Und noch eine weitere wertvolle Glücksquelle gibt es: das Glück der anderen. Von dieser Quelle kann nur trinken, wer sich in sie hineinzufühlen lernt und sich mit ihnen zu freuen versteht. Diese Fähigkeit ist die edelste aller menschlichen Fähigkeiten, setzt sie doch die Überwindung von Neid, Gier und Rivalität voraus.  

Zur echranischen Lebenskunst gehört auch, dass wir uns bemühen das Bewußtsein von den Dingen und Geschehnissen zu schärfen, etwa in dem wir über sie sprechen und ihre Vernetzung in größere Zusammenhänge zu erfassen suchen. Lust setzt - neben der Bereitschaft dafür - immer auch bewusste Wahrnehmung voraus, die Fähigkeit zur Empfindung, was meistens auch Kenntnisse voraussetzt. Wenn uns etwa das Empfinden für die Großartigkeiten der Natur fehlt, dann ist es grad so, als würden diese nicht existieren.  

Wir versuchen auch der Abstumpfung der Sinne durch Gewöhnung und Reizüberflutung entgegen zu wirken, in dem wir zeitweise Reize zu meiden versuchen oder uns Gewohnheiten eine Weile versagen. Sinnvoll ist es auch sich in allen Lebensbereichen auf einem möglichst niedrigen Niveau zu bewegen, damit Steigerungen überhaupt möglich sind. Der so Verständige kann dadurch alttägliche Gewöhnlichkeiten immer wieder als Besonderheit genießen.  

Lebenskunst ist auch, wenn man sich an dem erfreut, was man hat und was man kann, nicht erst dann, wenn dies durch einen Schaden erschwert oder gänzlich unmöglich wird. So erfreuen wir uns bewußt am Funktionieren unseres Körpers, der Beweglichkeit und Ausdauer unserer Beine, der Geschicklichkeit unserer Hände, der Kraft der Arme, der Empfindsamkeit der Ohren, der Nase, der Augen, der Haut.  

Wir bemühen uns, wie es vernünftige Menschen schon immer taten, die Freuden der Gegenwart zu genießen, von denen auch der Alltag voll ist. Wer diese aber verachtet oder wer blind und taub dafür ist, weil er Luftschlössern nachjagt, der ist arm dran und Hilfe für ihn ist kaum möglich.  

Leiden wir Schmerzen oder ist die Gegenwart durch Widrigkeiten schwer erträglich, dann erinnern wir uns an erlebtes Glück oder hoffen auf zukünftiges, auch das kann trösten und über schwierige Phasen weghelfen. Aber auch die Erinnerung an gemeisterte Schwierigkeiten, an alten Mut, an verheilte Wunden, geben einem Kraft in schwierigen Zeiten.