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Von der Natur des Menschen

"Wächst der Mensch bei Ameisen auf, wird er zur fleißigen Ameise, bei Schnecken zur schleimenden Schnecke und bei Haifischen zum reißenden Hai. Ließe man ihn unter Heiligen aufwachsen, würde er vielleicht zum Heiligen. Leider konnte letzteres mangels Masse noch nicht ausprobiert werden...

Dieser Scherz spiegelt sowohl echranische Weltsicht wie auch unseren Humor. Der hohen Bildsamkeit von uns Menschen durch unsere Umgebung stehen vergleichsweise verkümmerte Instinkte gegenüber. Vermutlich ist das eine Folge unserer langen Entwicklungszeit und dem Umstand, dass Menschenkinder so lange Zeit hilflos und gänzlich auf die Zuwendung und Versorgung durch die Eltern angewiesen sind. Diese Notwendigkeit verlangt uns als soziale Wesen, die Verantwortung für andere übernehmen müssen. Wäre es anders, könnte unsere Art nicht fortbestehen. Aus dem Umstand, dass unsere Art nicht ausgestorben ist, kann also auf eine ursprüngliche soziale Wesensart des Menschen geschlossen werden. Gleichzeitig ermöglicht uns auch der Verstand uns in andere hineinzufühlen, doch muß die Fähigkeit zu Mitgefühl und Verantwortung von Vorbildern vermittelt und gefördert werden. voraus. Unser Egoismus dagegen braucht keine Förderung, er ist von Anfang an mit Urkraft da. Manchmal meine ich, Menschsein ist ein dauernder Kampf gegen diese Kraft. Sozial sein fällt uns dann leicht, wenn auch unser Egoismus dabei profitiert, wir also einen Nutzen daraus spüren und wir also quasi in einer sozialen Symbiose leben. Das Gefühl ausgenützt zu werden oder sich nicht auf die anderen verlassen zu können, stärkt dagegen unseren Egoismus und macht uns unsozial.  

Ein neugeborenes Kind hat nur Rechte, Eltern haben erst einmal nur Pflichten, denn sie alleine sind für das Kind verantwortlich, das sie gezeugt haben. Aus der Geborgenheit des Mutterleibes ausgestoßen, kann und darf ein Mensch erst einmal nur das einfordern, was ihm zusteht und lautstark anzeigen, was was ihm nicht behagt. Mit zunehmendem Alter muss diese Ich- Bezogenheit schwinden. Sie tut es auch bei liebevoller Umgebung und entsprechendem Vorbild der Erwachsenen von alleine. Die Interessen der Bezugspersonen und der übrigen Lebewesen werden erkannt, soziales Verhalten wird bestärkt. Dieser Prozess vom "Ich-Men­schen zum "Auch-Du-Menschen zieht sich über Jahrzehnte hin, oft misslingt er gänzlich. Doch erst wenn ein Mensch gelernt hat "über seinen eigenen Bauch hinaus zu denken und in ihm das Bedürfnis gewachsen ist, sich um andere zu kümmern und für sie zu sorgen, gilt er nach unserem Verständnis als er­wachsen. Erwachsenwerden ist uns ein anderes Wort für Sozialwerden.  

Die deprimierende Irrlehre, dass der Mensch böse sei, stammt entweder von Priestern, die damit ihren Stand, oder von weltlichen Herrscher, die damit die Notwendigkeit ihrer Ordnungsfunktion zu rechtfertigen suchen und damit ihre Existenz.  

Auch der oft angestrengte Vergleich mit den Raubtieren ist falsch, denn diese sind nicht im menschlichen Sinne böse, sie töten nur um sich zu erhalten, während der instinktarme und von seinesgleichen verwirrte Mensch auf dieser Erde oft wie ein Rasender wütet und aus niederen Beweggründen tötet.  

Wir Echraner wissen, dass eine freundliche Umwelt, frei von Not und Ungerechtigkeit und vor allem frei von religiösem und politischem Fanatismus, freundliche Menschen hervorbringt, die zwar immer noch keine Lämmer sind, aber zu solchen wollen wir unsere Kinder auch nicht erziehen.

Wer dagegen in unsicherer, barbarischer Umgebung lebt, in der menschliche Haie und Wölfe lauern, was bleibt dem übrig, als mit ihnen zu reißen und zu heulen? Wer mit kalten Wintern lebt, versucht seine Höhle mit möglichst vielen Vorräten zu polstern. Ebenso handelt, wer in Furcht vor sozialer Not lebt oder vor Krankheit und Hilflosigkeit im Alter. Davor suchen sich die Menschen durch Besitz und Reichtum zu schützen, hier liegt zumindest ein Grund für die menschliche Unmäßigkeit.

Wer sich dagegen vor keinem Winter (auch keinem sozialen!) und vor keinen materiellen Unbilden fürchten muss, welchen Grund hätte der zum Raffen und zum Horten? Wobei hier überhaupt nicht das Vorsorgen und Sammeln kritisiert werden soll, denn das ist in einem gewissen Umfang sinnvoll und nötig. Bedenklich wird es erst, wenn es in keinem Verhältnis zum Anlass mehr geschieht, wenn Geld und Wucher ins Spiel kommt und in der Folge Machtpolitik und Parasitentum. Wohin das führt, kann ja überall außerhalb Echras verfolgt werden.  

Unsere ursprüngliche Natur kann man auch an unse­rem Körper und den Organfunktionen ablesen, die sich in für uns unfassbaren Zeiträumen entwickelt haben. Was sind dagegen die zwanzig oder dreißigtausend Jahre, in denen sich der Mensch an den Gebrauch von Werkzeugen und Feuer gewöhnt hat? Erst recht, wenn man die kurze Zeit unserer Zivilisation zu Grunde legt. Dieser Zeitraum ist viel zu kurz, um biologische Notwendigkeiten zu verändern.

Schaut euch unsere Hände an, mit ihren geschickten Fingern! Sie eignen sich hervorragend zum Pflücken und Sammeln von Früchten, Blättern und Wurzeln und nicht zum Fangen, Töten und Aufbrechen von Tierkörpern! Auch unsere Zähne sind von denen der Raubtiere grundverschieden. Selbiges gilt für unseren Verdauungskanal, der ein vielfaches länger ist, als der von Fleischfressern, der eine andere Flora besitzt, andere Verdauungssäfte, andere Enzyme usw.

Auch wer durch Gewöhnung keinen Ekel beim Verzehren von erhitzten und kunstvoll zubereiteten Tierleichen empfindet – die Empfindungen bei einem Besuch in einem Schlachthaus und in einem Obstladen sind normalerweise sehr aufschlußreich. Wo graut es einem und wo läuft einem das Wasser im Munde zusammen? Falls euch letzteres im Schlachthaus passieren sollte, solltet ihr euch vorsichtshalber in fachärztliche Behandlung geben...  

Erst mit dem Gebrauch von Werkzeugen und der Be­herrschung des Feuers ist der Mensch zu einem künstlichen Raubtier geworden. Diese Tatsache ist bemerkenswert genug, zeigt sich doch auch hier die menschliche Unspezialisiertheit und seine Entwicklungsmöglichkeiten. Der Mensch ist bildsam und man kann ihn beinahe in jede Form prägen, zu allem abrichten, selbst zum Morden. Doch unsere ursprüngliche Natur ist eine andere. Gerade die Tatsache, dass der Mensch so entsetzlich grenzenlos sein kann, in seinem Töten und seiner Zerstörungswut, zeigt, dass die Natur ihn dafür nicht vorgesehen hatte. Wäre er ein wirkliches Raubtier, würde er wie diese nur aus Hunger oder Angst töten.

Hier muss angemerkt werden, dass es aber ein Irrtum ist, Aggressivität nur mit den Raubtieren in Verbindung zu bringen. Auch Pflanzenfresser gehen, wenn es um Rang und Revier geht, alles andere als freundlich miteinander um und schlagen, picken oder stoßen sich zum Krüppel. Dieses Erbe liegt uns vermutlich näher als das der Raubtiere.  

Wir "künstlichen Raubtiere sind eine großartige und gefährliche Spielart der Natur, die ihr sozusagen mit einem Rad aus den Schienen gesprungen ist, wobei uns gerade dieser Umstand letztlich zu Menschen gemacht hat. Ein Zurück gibt es nicht mehr, was aber nicht heißt, das es nicht aus vielerlei Hinsicht vernünftig wäre, wenn wir uns etwa unserer angestammten Ernährung wieder annähern, unserem Körper und unserer Seele zuliebe und – dass wir auch unsere tierischen Reste akzeptieren und in eine neue Ethik einfließen lassen und sie unseren hehren Träumen gleichstellen.