© www.hgeiss.de   Vom Leben der Echraner


Von der Religion

Da in Echra alles erlaubt ist, was keinem anderen schadet, kann natürlich auch jeder glauben was er will. Priester und Kirchen gibt es aber keine. Unvorstellbar ist uns die Vergewaltigung von Kindern durch die Säuglingstaufe, durch religiöse Dressur oder gar die kirchlich angeordnete Verstümmelungen ihrer Geschlechtsteile...  

Ob es Echraner gibt, die an einen Gott im Sinne eurer Religionen glauben, ist alleine ihre persönliche Angelegenheit. Ich kann hier nur für mich reden und es erscheint mir müssig darüber zu grübeln, ob es noch eine metaphysische Welt hinter der wirklichen Welt gibt. Wie es sich auch verhalten mag, es hat für uns Menschen keine Bedeutung. Gibt es einen Schöpfer, dann ist auch unser zweifelnder Verstand von ihm und er wird uns kaum dafür verurteilen, wenn wir ihn gebrauchen. Im Gegenteil, wie könnte ein Gott sich darüber freuen, wenn seine Geschöpfe ihre Welt, in die er sie gesetzt hat, verachten, in dem sie nach einer anderen schielen und ihn durch Herunterleiern von geratschten Gebetsformeln für sich einnehmen wollen? Gäbe es einen Gott, würde man ihn auf diese Weise lästern und verspotten.  

Mit der Sehnsucht nach einem himmlischen und teuflischen Jenseits verspottet man im Grunde das wertvollste, was es für lebende Wesen geben kann: das Leben.  

Der Jenseitsglaube der Religionen soll die Menschen auf die Zeit nach ihrem Tode vertrösten und im wirklichen Leben verängstigen und disziplinieren. Wer das Leben nur als Jammertal begreift und als Prüfung für das eigentliche Leben danach, nimmt die unmenschliche Wirklichkeit hin, statt alles dafür zu tun, sie zu verbessern. Der Einfältigste sollte erkennen, dass Religion, vor allem anderen, ein Werkzeug von Politik und Macht ist.  

Götterglauben und Religion ziehen eine lange blutige Spur durch die menschliche Geschichte. Bis zum heutigen Tag gibt es nichts gefährlicheres auf dieser Welt als religiösen Fanatismus, denn er schaltet den Verstand aus und macht die Menschen zu willenlosen Werkzeugen für rassistische, nationalistische und Machtinteressen aller Art. Die Zahl der Kriege und das Ausmaß an Unterdrückung und Zerstörung, das im Name der Religionen verübt wurde, lässt sich überhaupt nicht erfassen. Religion und alle mit ihr verwandten Sinnesverwirrungen und fanatischen Überzeugungen sind die schlimmsten Gifte auf dieser Welt. Und schon immer auch kommen sie in einer materialistischen Spielart, als goldene Kälber in Form von Geld oder blinder Technikgläubigkeit daher.  

Selbstverständlich ist auch in Echra das Leben nicht nur Glückseligkeit, wäre es so, wäre das wohl auch eine Form der Hölle, denn alle Lebewesen brauchen den Wechsel, die Spannung und die Entspannung, das Hungerhaben, das Essen und das Sattsein usw. Kein Hoch gibt es ohne Tief, kein Glück ohne Unglück, kein Heiß ohne Kalt, kein Hell ohne Dunkel. Jeder Pol hat seinen Gegenpol. Wer könnte den Tag schätzen, gäbe es die Nacht nicht? Selbst der Schmerz hat meistens seinen Sinn, als Wegweiser zu einem vernünftigen Leben. Und wie könnte man dieses verehren ohne den Tod?  Erst seine Endlichkeit macht das Leben so wertvoll.

Nun könnte man vermuten, dass der Tod für Menschen, die das Leben derart verehren und lieben, eine unerträgliche Vorstellung sein muss. Doch wir wissen, dass er zum Leben gehört, wie die Geburt. Natürlich verwünschen wir ihn und wer wollte ihn – wenn er nicht gerade sterbenskrank ist - nicht vermeiden! Doch wenn wir über ihn jammern und schimpfen, dann grad so, wie Menschen eben über das Unveränderliche klagen, etwa über das Wetter, den Winter oder die Schwerkraft...

Der Tod ist uns - der religiösen Ängste und Hoffnungen entkleidet - ein Nichts. Warum soll man vor Nichts Angst haben? Wir haben - bevor wir geboren wurden - schon eine Ewigkeit nicht gelebt, und nicht anders wird es nach unserem Ableben sein.

Greise, die ein erfülltes Leben gelebt haben, denen schon alle geliebten Gefährten ihres langen Lebens weggestorben sind, die unter der zunehmenden Gebrechlichkeit ihres Körpers leiden, die nach neunzig Wintern keinen weiteren mehr erleben wollen, wünschen gelegentlich den Tod herbei, wie ein müder Mensch die Nacht. Kann man daraus nicht schließen, dass für den Menschen Unsterblichkeit die größte Strafe wäre? Wer ein wenig überlegt, der kann die Verheißung ewigen Lebens nur als eine schlimme Drohung auffassen.  

Gerade unsere Sterblichkeit muß uns mahnen, unsere Mitmenschen hier und heute zu lieben und ihr Leben zu versüssen. Der Trost der Religionen, dass die Toten im Jenseits auf uns warten und sie uns nur vorausgegangen sind und wir dereinst wieder mit ihnen vereint sein werden, wenn – ja wenn wir uns den Priestern und ihren Regeln unterwerfen! – ist Mißbrauch des Trostes zu durchsichtigen Zwecken.  

Trösten kann aber auch, wenn wir unsere Lieben in unseren Herzen bewahren und uns über die gemeinsam erlebten Zeiten freuen und darüber, sie gekannt zu haben und vielleicht ihre Anliegen weiter verfolgen zu dürfen.   

Wir müssen uns damit abfinden, nur Gäste auf dieser Erde zu sein und ein Bindeglied in der Kette der Generationen, oder ein Baustein, auf dem andere weiter aufbauen können.

Dies ist unser Ehrgeiz und wenn wir dafür noch ein wenig in den Köpfen der Mitmenschen weiterleben dürfen, dann ist das durchaus ein gutes Gefühl. Deshalb bemühen wir uns unser Leben heute so zu leben, dass man sich noch eine Weile an uns gerne erinnert, mehr kann man nicht tun und mehr nicht erreichen.  

Aber auch sonst geht von uns nichts verloren, weil auf dieser Erde nichts verloren geht und sich alles wieder zu neuem Leben wandelt, gerade so, wie unser Körper sich aus früherem Leben zusammensetzt. Wir sind Teil des Kreislaufes alles Lebendigen, nicht anders wie jede Pflanze und jedes Tier. Was heute zu mir gehört, war vielleicht gestern ein Baum, ein Gras, ein Tier -  und wird morgen vielleicht wieder in einem Baum aufgehen, übermorgen in einem Kraut, in einem Tier, irgendwann wieder in einem Menschen.