© www.hgeiss.de   Vom Leben der Echraner


Der Wanderer erzählt

Auf meinem Weg vom Hochgebirge kam ich an eine Waldwiese, wo ich einen alten Mann traf, der eine Mauer aus Feldsteinen aufschichtete. In seiner Nähe zupften zwei Ziegen an Gebüsch. Ich grüßte den Alten und sprach mit ihm über die Wolken am Himmel, dann über das Land und die Ziegen und - es hatte angefangen zu regnen - schließlich über den Wert eines dichten Daches und eines trockenen Strohlagers. "Weiß der Teufel", sagte der Alte, als wir uns an den Stamm einer mächtigen Fichte lagerten, deren Krone alle Nässe abhielt, warum ich mit dir soviel rede, denn eigentlich habe ich mir das viele Reden schon lange abgewöhnt. Alleine mit mir rede ich öfter, doch es ist mehr ein lautes Denken. Und es denkt sich wieder klarer, wenn man ab und zu ausspricht, was man sich so den ganzen Tag zusammenreimt.

Die Erinnerung an seine Selbstgespräche schien den Alten zu amüsieren, denn während er sprach liefen ihm tiefe Lachfalten von den Augenwinkeln über die wettergegerbten Wangen. Dabei kraulte er eine Ziege hinter den Hörnern, die sich neben ihm niedergelegt und wiederzukäuen begonnen hatte. Sie sind unsere Ernährer, sagte er. Und sie ernähren uns gut, ihre Milch ist köstlich und der Käse daraus eine Leckerei. Ich habe schon Kühe und Schafe gehalten und bin bei den Ziegen gelandet, denn sie sind erstaunlich kluge Tiere und ihr eigenwilliger Charakter gefällt mir. Wer Hunde mag, zu dem passen auch Schafe, wer Katzen mag, der wird eher mit Ziegen zurechtkommen, denn beide Tierarten lassen sich kaum erziehen. 

Unsere Blicke trafen sich. Ich weiß wenig von Tieren, über Ziegen habe ich noch nie nachgedacht, sagte ich. Doch ich weiß, Tiere sind perfekt, wenn sie von den Menschen nicht verdorben wurden. Sie sind wie sie sind, man kann ihnen deshalb nichts verargen.

 

Dazu bedarf es aber wohl der Weisheit und der Geduld eines Gottes, lachte der Alte. Tiere sind wie sie sind, das ist wohl wahr. Sie denken nicht voraus und wohl auch nicht zurück, vermutlich denken sie überhaupt nicht. Nach menschlichem Moralbegriff sind Tiere schlecht, denn sie sind gefrässig und egoistisch. Auch die menschliche Hand suchen sie nur, wenn sie oft genug Futter drin gefunden haben. 

 

Womit er wohl auch recht hatte, ich aber nicht weniger. Wir schwiegen eine Weile. Dann sagte der Alte, es fiele ihm auf, dass ich auch schweigen könne. Seine Erfahrung mit Stadtleuten - und mich hielt er für einen solchen - habe ihm oft gezeigt, dass diese keine Sprechpausen ertragen können und deswegen ununterbrochen reden. Dies geschehe wohl aus Höflichkeit oder Unsicherheit, was ihn das Geschwätz aber nicht weniger leicht ertragen lasse. Er schweige gerne und schätze es, wenn dies auch ein anderer kann. Ich lächelte und freute mich über das Lob.

 

Mittlerweile hatte es aufgehört zu regnen und die Sonne strahlte wieder von einem tiefblauen Himmel, die dunkle Wolkenwand war weitergezogen. Wir verließen unseren Unterstand und der Alte räumte verschiedene Werkzeuge zusammen. Es ist heute schon zu spät, um noch weiter zu arbeiten, na ja, und auch zu naß.

 

Dann fragte er mich nach meinem weiteren Weg und ich sagte ihm, dass ich ohne festes Ziel loszog, um hinter den nächsten Berg zu sehen, und hinter diesem immer neue Berge gekommen seien, bis ich schließlich an den gegenwärtigen Ort kam.

Nun überlege ich in dieses Tal hinabzusteigen, das mir ein recht freundliches zu sein scheint, denn die Hänge sind weiß von blühenden Obstgehölzen und der Talgrund scheint saftige Weiden zu haben. Sicher kann ich da meinen Mundvorrat auffüllen und vielleicht findet sich für mich auch ein Heuschober für die Nacht.

 

Der Alte freute sich über das, was ich über sein Tal bemerkte und sagte, auch er freue sich über das Blühen überall und die Bewohner des Tals seien wirklich recht freundlich, wenn man sie mit den Bewohnern anderer Täler vergleiche. Er selber sei zwar schon lange nicht mehr aus seinem Tal hinausgekommen, aber Berichte über die Verrücktheiten und die Bosheiten aus anderen Tälern habe er genug gehört. Ich hätte recht, wenn ich von den satten Weiden auf den Charakter der Bewohner schlösse, auch wenn es nicht so sei, dass Fülle immer nur Freundlichkeit schaffe. Vom Überfluß wisse man, dass er die einen faul und gleichgültig macht und die anderen gierig und hartherzig. Doch treffe es zu, dass erst ausreichendes Versorgtsein jene freundliche Gelassenheit schenke, die man kaum an Orten antrifft, wo grasser Mangel herrscht.

 

Ich sagte, dass gute Versorgtheit die Menschen stark mache und nur starke Menschen sich gut zu sein leisten können. Schwachen Menschen sei nicht zu trauen, was aber nur eine Feststellung und kein Vorwurf sein soll.

 

Der Alte betrachtete mich von der Seite. Das klingt hart und stimmt so wohl auch nur, wenn man die hundert Anmerkungen, die man dazu machen muß, alle mitbedenkt. Doch dazu habe ich jetzt keine Lust.

Er klopfte mir auf die Schulter und lud mich ein, mich ihm und seinen Tieren anzuschließen, denn auch er wolle ins Tal hinuntersteigen.

Wir kamen zeitweise recht flott voran, die Ziegen liefen uns sogar manchmal voraus. Dann wieder rupften sie beharrlich an Zweigen und Blättern, von denen sie weder durch Locken noch durch Schimpfen wegzubringen waren. Der Alte zuckte bedauernd mit den Schultern. So sind sie nun mal..., sie kommen schon nach.

Wir warteten ein wenig, beachteten die Ziegen nicht und sprachen über Einzelheiten des Tales, die nach und nach zu sehen waren. Dann gingen wir langsam weiter und die Ziegen kamen hinter uns her.

Im Talgrund blinkte ein Wasserlauf, der sich in vielen Windungen durch eine Auenlandschaft wand. Es ist die Echra, beantwortete der Alte meine entsprechende Frage. Das Echratal! murmelte ich überrascht, ja, gibt es das denn wirklich!

Ich wußte, dass sich im Tal der Echra vor einigen Jahrzehnten technikfeindliche Utopisten angesiedelt hatten. Diese Echraner hatten mich aber nie interessiert und Berichte von ihrer Lebensweise gelangweilt, sie waren für mich einfach nur romantische Spinner.

Du scheinst dich darüber nicht besonders zu freuen, lachte der Alte, als ob er meine Gedanken hätte lesen können. Wenn du Angst vor den Echranern hast, kannst du über den Paß im Osten ins nächste Tal wandern.

Warum sollte ich Angst haben? fragte ich.

Angst vor Ansteckung! Du wärst nicht der erste, der sich vor der echranischen Lebensweise fürchtet...

Der Alte lachte, ich spürte seinen gutmütigen Spott. Auch ich grinste. Ach, da bin ich ganz unbesorgt. Ich bin sicher immun gegen echranische Ideen, denn ich kenne - auch wenn man es mir nicht gleich ansieht - das Leben und vor allem die Menschen.

Du hast wohl schlechte Erfahrungen mit den Menschen gemacht? fragte mich der Alte, nun wieder ohne ironischen Unterton.

Ich winkte ab. Wir Menschen haben es nicht leicht. Wir sind halb Tier und halb unser eigenes Kunstprodukt, strecken die Köpfe gern über die Wolken und treten die Erde, die uns nicht losläßt, nicht weniger mit den Füßen als jeder wilde Ochse...

Der Alte betrachtete mich von der Seite, sagte aber nichts. Nach einer Weile rief er seine Ziegen, die ein Stück zurückgeblieben waren.

Das hört sich an, als wärst du über die Erdbindung der Menschen nicht recht froh. Bist du deswegen auf die hohen Berge gestiegen, um deinen Kopf über die Wolken zu strecken?

Vielleicht, ich habe darüber nicht nachgedacht, antwortete ich. Aber nun will ich ins Tal, und wenn darin Echraner leben, so sind sie mir gerade so recht wie irgendwelche anderen Leute!

Wir setzten also unseren Weg fort, der aber im üblichen Sinn des Wortes kein solcher war, denn wir spazierten quer über Wiesen und Matten, durchschritten einen urwüchsigen Laubwald voller Vogelgesang und kamen schließlich an einen Wildbach, dessen Wasser wir ins Tal folgten.

Bald waren wir von blühenden Gehölz umgeben, die sich wie Blütenstraßen ins Tal zogen. Noch niemals zuvor hatte ich so viele Hecken und Raine gesehen. Näherte man sich ihnen, vernahm man ein gewaltiges Summen von Bienen, Hummeln und Käfern, die sich in dem Blütenmeer tummelten. Lange entdeckte ich keine Gebäude, bis eine felsige Anhöhe einen Blick über tiefergelegenes Land ermöglichte. Nun sah ich auch Einzelgehöfte, die, wie Zellkerne dalagen, umrahmt von den blühenden Gehölzen. Ich sah Gemüse und Weingärten, kleine Getreidefelder und eine Vielzahl von Obstbäumen.

Ich äußerte mein Entzücken über die Lieblichkeit der Umgebung und mein Begleiter freute sich darüber.

Da unten, sagte er nach einer Weile genießendem Schweigen, da unten an der Echra - hinter dem Altwasser und den Kopfweiden, man kann den Giebel des Häuschens erkennen - wohne ich mit meiner Frau!

Ich lobte die reizvolle Lage und fragte nach dem nächsten Dorf, in dem ich einen Laden und ein Gasthof vorzufinden hoffte.

Nun, es gibt Dörfer in Echra, doch die sind alle zu weit entfernt, um sie heute noch erreichen zu können, sagte der Alte. Läden und Gasthäuser, wie ich sie mir erwarten würde, gäbe es dort aber auch nicht.

Ich erschrak ein wenig, denn mein Mundvorrat war beinahe aufgebraucht und so war ich dringend auf eine Einkaufsmöglichkeit angewiesen. Keine Läden und keine Gasthäuser? wiederholte ich ungläubig. Aber irgendwo müssen Sie doch auch einkaufen?

Der Alte lachte. Bei uns gibt es nichts zu kaufen, es gibt keine Waren und es gibt auch kein Geld.

Mein Gesichtsausdruck war nach dieser Nachricht sicher alles andere als erfreut und ich spürte alten Widerwillen gegen dieses Echra in mir aufsteigen, doch der alte Mann hatte seine Auskunft so gleichmütig, selbstverständlich, ohne jede Spur von Provokation oder Hochmut gegeben, dass ich mich jeder Frage hinsichtlich der Reichweite der gemachten Feststellung enthielt und nur fragte, wie sich Wanderer wie ich denn dann versorgen könnten.

Nun, auf Tourismus sind wir nicht eingestellt, doch für Besucher hat die Versorgung aber allemal gereicht. Wohl niemand im Tal wird einem hungrigen Wanderer Nahrung und Nachtquartier verweigern. Doch weil wir uns nun schon einmal getroffen haben, kommst du erst einmal mit zu mir nach Hause, was meine Frau sicher auch recht freuen wird. Und wie du an mir sehen kannst, gibt es bei ihr immer genug zu essen...!

Die freundliche Einladung des Alten konnte ich nicht abschlagen, ich sprach zwar noch davon, dass ich niemandem zur Last fallen wolle. Doch der Alte sagte, dass sie mir schon rechtzeitig Bescheid geben würden, sollte dieser Umstand eintreten. Damit war die Sache ausgeredet und wir setzten unseren Weg gemeinsam fort

3

Das Haus des Alten war aus Feldsteinen gemauert, mit Stroh gedeckt und hatte nach Süden eine überdachte Terrasse, wie man sie von amerikanischen Farmhäusern kennt. Alles Gebälk war aus geschälten, teilweise krumm gewachsenen Rundhölzern. Überhaupt hätte man lange erfolglos nach einer geraden Linie oder einem rechten Winkel suchen können. Dennoch wirkte alles sehr solide und gediegen.

Im Inneren befand sich in der Mitte ein gemauerter Kamin, an dem sich die Treppe ins Obergeschoß anlehnte und von dem aus die Balken der Zwischendecke und der Dachsparren sternförmig zu den Aussenmauern liefen.

Das Erdgeschoß bestand aus einem einzigen Raum, der Lebensraum, wie der Alte sagte, er war Wohnstube, Küche, Bad und Werkstatt in einem. Alleine für das Schlafen gab es im Obergeschoß einige kleine Zimmer.

An der Nordseite lehnte sich ein Heuschober an. Daneben lag ein hölzerner Stall für die Ziegen. Diese waren das letzte Stück vorausgelaufen. Es drängt sie in ihren Stall, sagte der Alte. Warum sie dort so gerne sind, werde ich nie begreifen. Das Futter, das sie dort finden, ist niemals so frisch, wie dasjenige im Freien. Das Wasser nie so sauber wie im Bach. Die Einstreu, auch wenn sie frisch ist, bedeckt ihren Mist. Wie soll man das verstehen?

Ich hörte interessiert zu, wußte aber darauf nichts zu antworten, denn von Ziegen hatte ich keine Ahnung und sie interessierten mich auch nicht besonders.

Die Frau des Alten hatte freundliche Augen, die aussahen, als seien sie noch niemals betrogen worden. Ihr Haar war grau, ihr Gesicht sonnenverbrannt und von feinen Linien gezeichnet, sie war der lebende Beweis dafür, dass einen die Jahre nicht alt zu machen brauchen, wenn man sich ein kindliches Herz bewahrt. Die Frau, der Alte nannte sie so, die Frau ihn wiederum Mann, war über mein Auftauchen überrascht, doch war zu spüren, dass ihr der Besuch nicht unangenehm war. Sie lud uns an einen Tisch, der unter einem Kirschbaum in der Nähe des Hauses stand, trug Milch in irdenen Bechern auf, stellte frische Fladen aus Kartoffelteig auf den Tisch, dazu eine Kugel Ziegenkäse, reichlich Tomaten und ein paar Zwiebeln.

Wir sprachen über das Wetter, dann über das Essen und ich lobte die vorzüglichen Fladen und den köstlichen Käse. Die Ziegenmilch kostete ich erst ganz vorsichtig und trank dann schließlich zwei Becher davon, erstaunt, dass sie gar keinen unangenehmen Eigengeschmack hatte. Die Alten hatten meine anfängliche Zurückhaltung bemerkt und schmunzelten darüber. Dann erfuhr ich, dass die verbreitete Meinung über den strengen Geruch von Ziegen und ihrer Milch nur ein Vorurteil sei. Ziegen hätten kaum Eigengeruch. Nur wenn sie mit Böcken zusammen gehalten werden, nähmen sie deren starken Geruch an, was sich auch bei der Milch bemerkbar mache.

Nach dem Essen spazierten wir ein wenig an der Echra entlang, einem nicht allzubreiten, behäbigem Flüßchen, das von mächtigen Weiden und Erlen umsäumt ist. Wieder zurück sagte man mir, ich könne in einer Laube schlafen, einem von Kletterpflanzen überrankten Gartenhäuschen, einem luftigen, aber wunderbarem Quartier. Ich liebe das Schlafen bei offenem Fenster, wenn dies nicht gerade großer Verkehrslärm unmöglich macht. Auf meiner Wanderung hatte ich mich auch daran gewöhnt, im Freien zu nächtigen, doch Morgentau, Kühle und schlafraubende Helligkeit waren nicht immer die reine Freude. Die Laube aber war ein geschützer Raum, in dem man trocken lag und doch im Freien, mit allen Vorzügen für die Atmung.

Ich ging an diesem Abend mit der Dämmerung schlafen und wachte, durch das grüne Rankenwerk vor allzufrühem Licht geschützt, erst am frühen Vormittag auf.

Meine Gastgeber erwarteten mich auf der Veranda ihres Hauses sitzend. Sie begrüßten mich freundlich und zeigten mir ihren Brunnen, mit dessen kaltem Wasser ich mich erfrischte. Beim anschließenden Frühstück - es gab Äpfel, frisch gebackene Weizenfladen, Butter, Honig und Milch - plauderten wir erst über das Wetter, die einfache und doch so köstliche Speise und schließlich über den Sinn des Reisens. Ich bemerkte schließlich, dass Tierhaltung Reisen unmöglich macht und fragte meine Gegenüber, ob sie dies nicht bedauerten.

Beide verneinten dies lachend, grad so, als ob ich einen Witz gemacht hätte. Ich sagte, dass dort, wo ich herkam, Reisen für viele Menschen zum Erstrebenswertesten gehöre, was das Leben zu bieten hat, ja, viele sogar dafür bereit sind, das ganze Jahr eine ungeliebte Arbeit zu machen um sich für wenige Wochen eine Reise leisten zu können.

Das Gesicht des Alten wurde ernst. Du bist unser Gast, ich will dich nicht verärgern. Doch wenn ich dir antworten würde, wie es mir grad auf der Zunge liegt, würde es dich wohl. Ich will es daher so sagen: Schon in einem Wassertropfen spiegelt sich die ganze Welt. Und wieviel mehr als ein Wassertropfen ist diese Aue, dieses Tal, das Leben in ihm. Wir vermissen nichts und es drängt uns nicht woanders hin. Wen es zum Reisen drängt, wird wohl etwas vermissen, was er woanders zu finden hofft.

Ich bestreite es nicht, dass Reisen auch immer Suche ist, manchmal auch eine Art Flucht, sagte ich. Doch ist es schlecht, wenn man etwas sucht, wenn man die Welt kennenlernen will, wenn man dem Alltag entflieht?

Dem Alltag will man nur entfliehen, wenn er einem mißfällt. Die Welt lernt man nicht kennen, wenn man über sie hinweg eilt und suchen tut nur, wer etwas vermißt entgegnete der Alte freundlich.

Aber ist der Mensch nicht von alters her ein Nomade, also einer, dessen Bestimmung es ist, unterwegs zu sein? wandte ich ein.

Es war die Notwendigkeit den Futterplätzen zu folgen, sagte der Alte, es war die Not, die den Menschen wendig machte, die Not, die er zu wenden suchte. Die Ortsfestigkeit kam in der Tat erst später, denn sie setzte viele Entwicklungsschritte voraus, etwa die Fähigkeit sich winterfeste Bekleidung und Behausung zu schaffen, seine Nahrung durch Anbau oder Tierhaltung zu erzeugen, Vorratshaltung und auch einiges an sozialer Entwicklung. Die materielle Notwendigkeit ist es wohl nicht, die heute Menschen umtreibt. Warum halten sie es aber dennoch nicht zu Hause aus? Suchen sie vielleicht nach noch besseren Futterplätzen? Oder suchen sie nach irgendeinem Lebenssinn oder einer Lebensqualität, die sie daheim entbehren? Oder brauchen sie die äußere Bewegung, um der Langeweile zu entfliehen, die die meisten Menschen überfällt, wenn sie haben, was sie an Lebensnotwendigem brauchen?

Ich zuckte die Achseln. Es ist halt so, über die Ursachen zu sinnieren, ist mir bislang noch nicht in den Sinn gekommen. Es mag vieles so sein, wie sie sagen, manches aber auch sicher anders, sagte ich und konnte meinen Unwillen über die Ausführungen des Alten nicht ganz verbergen. Dieser spürte dies wohl und vertiefte das Thema auch nicht weiter.

Im weiteren Verlaufe des Frühstückes kam ein Enkelsohn zu Besuch. Die Alten stellten ihn mir vor und mich nannten sie einen Wanderer, dessen Namen sie noch nicht erfragt hatten. Ich nannte meinen Namen und entschuldigte mich für meine Unhöflichkeit und erfuhr nun auch ihre Namen.

Der Junge war überrascht einen Fremden anzutreffen und gab sich nicht mit meinem Namen zufrieden und wollte auch gleich wissen woher ich kam, wohin ich zu gehen beabsichtigte, wer ich war und vieles andere mehr.

Ich komme aus dem Land nördlich der Berge und lebe dort in einer großen Stadt. Beruflich bin ich Arzt und mit meiner Wanderung erfülle ich mir einen langgehegten Wunsch, sagte ich.

Doch diese Erklärung reichte dem Jungen nicht, er wollte wissen was ein Arzt sei, was eine Stadt, was ein Land...

Ich erklärte, ein Arzt sei einer, der kranken Menschen helfe und dafür Geld erhalte, doch der Bub fragte was krank sei, warum man für helfen etwas bekäme und was Geld sei...

Die Fragerei amüsierte die Alten, alleine dem Jungen war die Sache sehr ernst. Mit großen Kinderaugen stand er vor mir und verlangte Antwort auf seine Fragen...

War er noch nie bei einem Arzt? fragte ich, kennt er kein Geld?

Seine Großeltern schüttelten lächelnd ihre Köpfe und der Junge schaute zwischen mir und ihnen hin und her.

Wenn es so ist, sagte ich, nun ebenfalls lächelnd, dann werde ich es dir zu erklären suchen. Also...

Und so erklärte ich, was ein Arzt war, was Krankheit und was Geld, wobei letzteres dem Kleinen doch zu merkwürdig vorkam. Papier, für das man Essen bekommt, Ziegen, Brot und Häuser? Das möchte ich einmal sehen, dieses Wunderpapier!

Ich holte aus meinem Rucksack meine Brieftasche und  daraus einen Geldschein, den ich dem Jungen zeigte. Er gefiel ihm sichtlich und er wendete ihn hin und her, dass dafür aber jemand eine Ziege tauschen würde oder ein Haus, schien ihm aber doch unglaubwürdig.

Ich fragte den Alten, warum es in Echra kein Geld gab und bekam zur Antwort, dass Geld die Menschen verrückt mache weil durch Geld alles, einschließlich der Menschen, zu Ware werde.

Aber Geld, wandte ich ein, ist doch eine praktische Sache, es ist ein universelles Tauschmittel, ein Vorrat zudem, den man quasi für den Winter sammelt und aufbewahrt. Geld ist zudem die Voraussetzung für Arbeitsteilung, für Handel und Fortschritt, ja, es ist vielleicht sogar das Fundament unserer Zivilisation, unserer Gesellschaft.  

Es ist ein Hilfsmittel, das euch zum Zweck wurde, sagte der Alte. Geld ist euch Ziel und Peitsche und vielen ist es sogar zum Gott geworden. Wie dieser hat es nur dann Wert, wenn man an seinen Wert glaubt. Sobald man an ihm zweifelt, ist es aus mit seiner Bedeutung.

An dieser Betrachtung sei schon was dran, räumte ich ein. Ich eigne mich als Anwalt der Geldwirtschaft auch nicht recht, da ich es selber eher geringschätze und nur als notwendiges Übel anerkenne.

Es sind noch immer dieselben Themen, bemerkte die Alte dazwischen. Was haben wir uns darüber nicht schon die Goschen heißgeredet, damals, als es Echra erst in unseren Köpfen gab..

Der Alte lachte. Man vergißt schnell, dass es hinter den Bergen noch immer so läuft, wie ehedem.

Hinter den Bergen, wiederholte ich lächelnd, das hört sich an wie das Märchen von Schneewittchen.

Ich kenne Schneewittchen!, sagte der Junge und so endete das Gespräch bei den sieben Zwergen und dem Spiegelein an der Wand...

 

 4

Ich beschloß ein paar Tage in Echra zu bleiben und mir dieses merkwürdige Land genauer anzusehen. Doch konnte ich mich einfach selber einladen, zum Nachtquartier und zum Essen? Woanders wäre ich in ein Gasthaus gegangen, um für Geld Essen und ein Bett zu bekommen. Aber hier? Der Alte schien mein Problem zu erraten. Ich könne ruhig so lange bleiben wie ich wollte, sagte er mir, als wir das Geschirr abräumten. Ich wandte ein, ein solches Angebot nicht ohne Gegenleistung annehmen zu können. Der Alte schaute mich an und zuckte die Achseln. Du kannst dich gerne ein wenig nützlich machen, wenn es dich beruhigt. Die Heuernte steht vor der Tür und da können wir ein paar starke Arme mehr ganz gut gebrauchen. Die Idee gefiel mir und so blieb ich.

Es konnte wohl nicht anders sein – der Alte mähte seine Wiese mit der Sense. Sie sei ein optimales Werkzeug, sagte er, wenn sie scharf sei. Um das zu erreichen hallten die rhythmischen Schläge von seinem Dengelhammer durch die Aue, mit der er Stück für Stück die Schneide breitklopfte. Für meine zwei Ziegen brauche ich nur einen Morgen Wiese zu mähen, und das schaffe ich in einem halben Tag. Man braucht weniger Kraft dafür, als du vielleicht vermutest, sagte der Alte zu mir. Du mußt dich entspannen dabei, ganz locker ausholen und eine schmale Mahd nehmen, die Sense dicht über dem Boden führen, nicht reißen und nicht hudeln. Du darfst nicht denken: Wann bin ich endlich fertig? Du mußt deine Bewegung vergessen und deinen Körper wie ein Uhrwerk arbeiten lassen: Spannung - Entspannung, Ausholen - Heranziehen. Mit deinen Gedanken kannst du in dieser Zeit alles machen, denken, dichten oder dösen, du kannst den Duft des Grases genießen oder dem Vogelgesang lauschen, du kannst singen oder schweigen, mähen wird so zur Meditation. Und wenn du so die Zeit vergißt und die Größe der Wiese, dann bist du auf einmal fertig, ohne dass du es wirklich gewahr wirst. Und so nebenbei hast du deinem Körper etwas Gutes getan. Sport und Spiel sind sicher eine nette Sache, aber eine Bewegung, die auch noch einen praktischen Sinn erfüllt, das ist etwas ganz anderes.

Nach diesem hohen Lied versuchte ich mich natürlich auch in der Sensenkunst, doch jeder kann sich denken, wie es mir erging. Entweder fuhr die Sensenspitze in die Erde oder sie glitt ohne viel zu schneiden über das Gras, dann fing ich an zu reißen, dass mir die Schulter schmerzte und der Stahl fraß sich in Grasschübel fest.

Heu ist ein wunderbares Futter, wenn man es in drei Tagen in den Schober bringt, erklärte der Alte, als ich ihm beim Wenden half. Gleich nach dem Mähen darf es das Gras ruhig noch einmal abregnen, das schadet nicht. Wenn es aber einige Tage regnet, dann ist das sehr schlecht. Das Heu wird gelb und braun und ist nur noch als Einstreu zu gebrauchen. Gutes Heu ist grün und duftet, wie eben nur Heu duftet. So wird es aber nur, wenn man es durch fleißiges Lockern und ausreichend Sonne möglichst schnell zum Knistern bringt. Die Ziegen naschen davon sogar im Sommer gern, auch wenn es frisches Gras gibt.

Ich gestand, mir darüber noch nie Gedanken gemacht zu haben. Dies sei dort, wo ich lebe, auch noch niemals nötig gewesen. Dass Mähen mit der Sense eine Art meditativer Sport sein kann, ist mir neu. Ich habe es immer für großes Mühsal gehalten. Und - , ich spielte lachend auf meine mißglückten Mähversuche an, für mich ist es das auch. 

Der Alte widersprach nicht und lachte ebenfalls. Es ist wie mit allem, anfangs braucht man viel Kraft dafür und später gehts fast von alleine!

Das echranische Leben scheint voll von solchen meditativen Arbeiten zu sein, sagte ich mit etwas schelmischen Unterton. Außerhalb Echras werden diese gleichförmigen Arbeiten immer mehr an Maschinen übertragen. Allgemein wird das für großen Fortschritt gehalten.

Das ist mir wohl bekannt!, antwortete der Alte. Und was machen die Menschen stattdessen?

Sie machen häufig Arbeiten, die höher im Kurs stehen. Sie bauen oder bedienen die Maschinen, kontrollieren und verwalten einander oder geben sich in zunehmenden Maß ihren Freizeitvergnügen hin, sagte ich.

Fernsehen, elektronische Spiele, Sport, Einkaufen, Reisen, Rauchen, Trinken..., habe ich etwas wichtiges vergessen? Der Alte schmunzelte.

Wenn ich dich richtig verstehe ziehst auch du dies dem Mähen, Heu wenden, Holz hacken, Gemüse hacken, Ziegen hüten usw. vor?

Es gibt auch anderes, sagte ich, für einen denkenden und empfindsamen Menschen gibt es vieles, was man stumpfsinnigen Arbeiten vorziehen kann. Ich nenne hier natürlich das Lieben, das Essen, Trinken, das Schlafen natürlich, die aktive oder passive Beschäftigung mit den schönen Künsten, das Reisen, das Lernen und Lehren, das Forschen, das Helfen, das Lesen, ja, auch das Spielen, den spielerischen Umgang mit an sich ernsten Arbeiten, aber auch das Faulenzen. Wer würde nicht lieber in der Sonne sitzen und die Welt betrachten, als sich schwitzend abzumühen? Aber auch wenn ich des Nichtstuns müde bin, ziehe ich der Arbeit die spielerische Bewegung vor, etwa das sportliche Üben des Körpers, aber auch das selbstbestimmte Durchschreiten der Welt: das Gehen. Deshalb bin ich auch zu Fuß unterwegs und messe mit meinem Schritt den Boden unter mir, ich glaube es gibt wenig Schöneres...

Der Alte schaute mich gedankenversunken an. Ich gebe dir recht, sagte er nach einer Weile. Es gibt wirklich viel Schönes, was man der Arbeit vorziehen kann. Auch ich liebe alles, was du aufgezählt hast. Und doch hat die Mehrzahl der Menschen in den Industrieländern mit ihrem Wechsel vom Pflug zum Fließband einen schlechten Tausch gemacht und ihre Freizeitvergnügen sind eher trauriger Natur und sind so, wie ich es aufgezählt habe. Doch auch bei euch muß das Lebenserhaltende hergestellt werden und ich möchte das gerne selber tun, denn ich mache das die meiste Zeit recht gerne und nebenher genieße ich die Unabhängigkeit und Freiheit, die ich mit meiner Arbeit gewinne. Für deinen edlen Zeitvertreib finde ich nebenher immer noch genug Zeit.

So redeten wir noch eine Weile über süßes Nichtstun und der Alte zudem über süße Arbeit und dass das Nötige mit Verstand recht leicht zu schaffen sei und damit nebenbei Freiheit entstehe und Genugtuung und gutes Gewissen nicht auf Kosten von irgendjemandem zu leben.

5

Ihr Echraner! Ihr lebt wie die Landbevölkerung anderswo vor hundert Jahren. Warum seid ihr zurückgegangen in der Entwicklung? fragte ich den Alten beim Heuwenden. In Amerika soll es auch eine Gegend geben, wo die Menschen leben wie ihre Vorfahren aus der Pionierzeit, ja selbst die Kleidermode ist entsprechend.

Wir Echraner sind weder Traditionalisten noch Nostalgiker, antwortete der Gefragte, womit ich aber nichts gegen jene Amerikaner einwenden möchte. Nur wir Echraner imitieren nicht die gute alte Zeit, die bekanntlich so gut niemals war. Nach unserem Verständnis haben wir uns nicht zurück entwickelt, sondern nach vorne. Nur was sich wirklich bewährt hat, daran halten wir uns. Dazu gehören ganz sicher nicht die alten Hierarchien und Besitzverhältnisse, ebensowenig die religiösen Illusionen und überkommenen Bräuche und Beschränktheiten. Wir wollen unser Leben gut leben, wollen möglichst viel davon selbst bestimmen und wir wollen freundlich mit unseren Nachbarn zusammenleben und unseren Kindern die Welt so hinterlassen, dass auch sie darin noch gut leben können. Dazu brauchen wir vergleichsweise wenig. Wenn sich ein Hilfsmittel für einen Zweck bewährt hat, dann genügt uns dies und wir vergeuden nicht unsere Zeit damit, immer raffiniertere Gerätschaften für den selben Zweck zu schaffen.

Das bedeutet, ihr plagt euch mit Arbeiten, die bei uns Maschinen ohne Mühe verrichten, kann das vernünftig sein? wandte ich ein.

Wer seine Arbeit maschinenmäßig macht bekommt ein Maschinenherz. Dies ist keine echranische, sondern eine uralte chinesische Weisheit, sagte der Alte. Das weitgehende Fehlen von Maschinen behütet uns auch davor zu große Fehler zu machen, denn die Maschinenkraft schafft zwar Beeindruckendes, doch niemals Lebensfreude oder gar Zufriedenheit.

Ich schwieg und obwohl ich fühlte, dass der Alte sicher nicht ganz Unrecht hatte, konnte ich das Loblied der einfachen körperlichen Arbeiten so nicht nachsingen. Ich dachte an die Arbeit mit dem Heu in den vergangenen Tagen und, obwohl es wirklich keine schlimme Arbeit gewesen war, befriedigt hatte sie mich nicht besonders. Sicher, wenn ich an die Fließbandarbeit in meiner Welt hinter den Bergen dachte, an die vielen Menschen vor den Bildschirmen, hinter den Ladentischen, an den Kanonen oder hinterm Steuer, dann schienen mir diese Tätigkeiten in keiner Weise anziehender zu sein.

6

Da der Enkelsohn ja offenbar keinen Arzt kannte und wie es schien, auch keine Krankheiten, was mir sehr sonderbar schien, fragte ich nach.

Natürlich, sagte der Alte, gibt es auch in Echra Unpässlichkeiten, Verletzungen und auch ab und zu schwere Krankheiten. Und es gibt auch in jedem Dorf Leute die sich der Heilkunde ganz besonders verschrieben haben und die den anderen ihr Wissen weitgeben oder praktisch helfeb, wenn es nötig ist. Nur den Berufsstand Arzt, der nichts anderes macht, als gegen Geld zu heilen, den gibt es in Echra tatsächlich nicht. Und es ist auch schon vorgekommen, dass Schwerkranke Echra verlassen haben, um sich außerhalb in einer modernen Klinik behandeln zu lassen. Mir ist aber kein Fall bekannt, in dem wirklich jemand geholfen worden wäre. Es kann sein, dass einer damit seinen Tod um eine kleine Zeitspanne verlängert hat, doch zum Preis lebenslanger Abhängigkeit von Apparaten und Pillen. Im übrigen kann keiner wissen, wie lange einer mit echranischer Therapie, also mit Hilfe der Naturheilkunde, noch zu leben gehabt hätte.

Der Alte spürte meine Skepsis und versuchte mir klarzumachen, dass in Echra die Lebensbedingungen eben so seien, dass sie Krankheiten nicht fördern. Dann zählte er die optimalen hygienischen Bedingungen und die gesunde Nahrung auf, die körperliche Bewegung in sauberer Luft, das Fehlen von Stress und Zwängen und die günstigen seelischen und sozialen Verhältnisse.

An dieser Stelle endet der erzählende Teil des Berichts. Doch sollte er als Einleitung für das Folgende  genügen, in dem der Wanderer  die Ausführungen des Alten notiert hat.