© www.hgeiss.de   Vom Leben der Echraner


Vom Sterben

Liegt ein Echraner im Sterben, ist es üblich, dass ihn Nachbarn und Freunde besuchen und ihn in seiner schweren Stunde nicht alleine lassen. Wir hören dem Sterbenden zu, wenn er etwas sagen will, schweigen mit ihm, wenn er schweigen will und erzählen, singen oder musizieren, wenn er das wünscht. Natürlich lassen wir ihn auch alleine, wenn er alleine sein möchte.

Ist das Sterben von Schmerzen begleitet, so lindern wir diese durch die Gabe von entsprechenden Mitteln, die der Koordinator verwahrt hält. Würde ein schwer Leidender, für den keine Aussicht auf Genesung besteht, wiederholt um die Erlösung von seinen großen Qualen, durch ein sein Leben beendendes Gift bitten, so müsste darüber ein Rat aus Verwandten und Freunden mit einem einstimmigen Urteil entscheiden. Derartige Fälle sind aber sehr selten.  

Unsere Verstorbenen begraben wir am Rande des Urwaldes, von dem unsere Dörfer umschlossen werden. Zur Erinnerung an die Toten wird auf das Grab ein Stein gelegt, den sich der Verstorbene schon zu Lebzeiten selber ausgesucht hat und der zum Sitzen und Meditieren einlädt.

Pedantisch gepflegte und durch Umrandungen abgegrenzte Gräber, gibt es bei uns nicht. Die Begräbnisstelle wird bald Teil der sie umgebenden Natur.

Manche Echraner wünschen verbrannt zu werden. Nicht selten errichten sie sich ihren Scheiterhaufen noch zu Lebzeiten. Sie finden den Gedanken tröstlich, mit dem Rauch des Feuers in den Himmel zu steigen und sich über die ganze Welt zu verteilen. Ihre Asche verstreuen die Angehörigen nach dem Wunsch des Toten am Waldrand oder in ein Gewässer.

Bei einem Begräbnis versammeln sich die Dorfbewoh­ner um das Grab, das sie zuvor gemeinsam ausgeho­ben haben. Der Koordinator des Dorfes erzählt dann vom Leben und Wirken des Verstorbenen, Freunde spielen seine Lieblingsmusik, lesen aus seinem Lieblingsbuch und tragen einen, von dem Verstorbenen noch zu Lebzeiten verfassten Abschiedsbrief vor. Darin erzählen sie etwa von Freude und Leid, bedanken oder entschuldigen sich bei den Verwandten und Freunden und manchmal formulieren sie ihre Hoffnungen und Wünsche an die Nachwelt.

Danach füllen die Versammelten gemeinsam das Grab oder entzünden den Scheiterhaufen.

Nach dem Begräbnis versammeln sich die Dorfbewohner im Gemeinschaftshaus zum Totenmahl, zum Trost für die Angehörigen und zur Ehrung des Toten. Nachdem man gegessen hat, wird von angenehmen Begebenheiten erzählt, die man mit dem Verstorbenen hatte.

Niemals endet eine Totenfeier, ohne dass den Angehö­rigen Solidarität zugesichert wird. Wenn nötig, werden auch gleich konkrete Hilfsmaßnahmen besprochen. Dies alles macht hoffentlich die große Wertschätzung deutlich, mit der wir einander noch über den Tod hinaus behandeln.