© www.hgeiss.de   Vom Leben der Echraner


Über das Zusammenleben

In Echra gibt es keine Städte, weil Menschen überschaubare Strukturen brauchen. Städte sind steingewordene Arbeitsteiligkeit und Entfremdung, Nährboden für Parasitentum, Künstlichkeit und Anonymität. Sie sind ein lebensfeindlicher, hässlicher, materialisierter Irrweg, sie machen den Menschen zur Ameise. Anonym und in hunderterlei Fesseln, Abhängigkeiten und Unnatur verstrickt, spiegelt sich bald in seinem Kopf das unwirtliche Äußere, das ihn umgibt.  

Wir Echraner wohnen deswegen in Dörfern mit nur wenigen hundert Einwohnern, diese Größenordnung hat sich bewährt.

Unsere Dörfer sind meist Streusiedlungen. Die Wohnhäuser stehen auf eigenem Land, das sowohl der Selbstversorgung als auch dem gesunden Abstand von den Nachbarn dient. Daneben gibt es Gemeinschaftsflächen, in der Hauptsache Felder, Wald und Weiden. Doch darüber mehr im Kapitel über den Landbau.  

Eine zweite verbreitete Wohnform sind die Kooperati­ven, in denen zwar auch jede Familie ein eigenes Haus bewohnt - meist um einen baumbestandenen Park gereiht - in der alle Agrarflächen und Werkstätten aber gemeinschaftlich bewirtschaftet werden. Das geregelte Leben dort ist nicht jedermanns Sache. So mancher fürchtet um seine individuelle Freiheit und mag sich der Gemeinschaft nur anschließen, wo es die Not­wendigkeit gebietet. Es gibt aber genug Echraner, die nirgendwo anders leben möchten.  

Sowohl Dorf wie Kooperative haben ihre Vorzüge, die - je nach Einstellung - auch als Nachteile erscheinen mögen. So bringt das räumlich engere Zusammenleben in den Kooperativen größere soziale Nähe, aber auch den Zwang sich über hundert Dinge abzustim­men. Die Arbeitsteilung bringt einerseits Verpflichtung, andererseits aber auch einen Zeitgewinn, da alle anfallenden Arbeiten im Wechsel reihum verteilt werden.  

Aus der Notwendigkeit Rohstoffe zu fördern und zu verarbeiten, gibt es in Echra noch eine dritte Wohnform, vergleichbar etwa den Kooperativen, wir nennen sie Zeitdörfer. Hier leben vorwiegend junge Leute für begrenzte Zeit, meist für etwa fünf Jahre. Die Zeitdörfer fördern Rohstoffe oder stellen Güter technischer Art her, die in den Dörfern nicht, oder nur sehr umständlich gefertigt werden könnten.  

Durch diesen Dienst der jungen Echraner können wir alle mit dem Nötigen versorgt werden. Die Zeitdörfer sind bei den jungen Leuten auch sehr beliebt. Zum einen ist das Zusammenleben in einer Ge­meinschaft mit Gleichaltrigen eine reizvolle Sache (auch die Partnersuche wird erleichtert), zum anderen kommt es zur Abnabelung vom Elternhaus, was ja für die Entwicklung jedes Menschen sehr wichtig ist.  

Manche ältere Echraner empfinden das intensive und lockere Gemeinschaftsleben mit den jungen Leuten als sehr angenehm und bleiben ein Leben lang in den Kooperativen, andere kehren immer wieder auf Zeit dort­hin zurück.  

Naturgemäß ist bei uns das Verhältnis zwischen El­tern und Kindern recht freundschaftlich, daher auch von Dauer. Die Beziehungen bleiben auch während der Dienstzeit in den Zeitdörfern erhalten. Später siedeln sich die verheirateten Kinder gern wieder in der Nähe der Eltern an, zumal die Versorgung der Eltern im Alter selbstverständlich ist. Doch sollte ich hier vielleicht darauf hinweisen, dass in Echra Greise, die gänzlich versorgt und gepflegt werden müssen, eher selten sind. Die meisten Echraner bleiben bis ins hohe Alter recht rüstig, vermutlich wegen ihres bewegungsreichen und stressarmen Lebens in der Natur. Auch die Eingebundenheit in die Gemeinschaft und die allgemeine Wertschätzung der älteren Menschen spielen wohl eine Rolle. Jeder kann sich bis zu seinem letzten Tag nützlich machen und niemand wird wegen seines Alters ausgegrenzt.  

Nach dem Tod des Partners schließen sich Einzelnstehende gerne zu Wohngemeinschaften zusammen, oder sie ziehen zu ihren Kindern. Die Enkel - soweit vorhanden und im entsprechenden Alter - übernehmen dann Haus und Land der Großeltern.